Beitrags-Archiv für die Kategory 'Literatur'

Galeano und die toten Juden

Donnerstag, 22. Januar 2009 21:47

Eduardo Galeano ist ein angesehener Mann. Der Journalist und Schriftsteller, mit uruguayanischem Pass, wurde zur Ikone der Linken, nachdem im Jahre 1971 sein anti-kolonialistisches Werk, Die offenen Adern Lateinamerikas, veröffentlicht worden war.

Eduardo Galeano ist ein kämpferischer Mann. Von der Militärjunta ins spanische Exil getrieben, hat der mittlerweile wieder in Uruquay lebende Autor immer wieder Bücher publiziert und seine Artikel und Kommentare werden von linken US-amerikanischen und britischen Publikationen, wie The Progressive, The Nation oder New Internationalist, aber auch etwa von der deutschen TAZ, gerne gedruckt.

Über einen TAZ-Blog ist sein jüngster Text, der auf einer uruquayanischen Website veröffentlich wurde, zugänglich (hier die deutsche Übersetzung), ein Kommentar, der sich mit dem Krieg Israels gegen die Hamas beschäftigt, und den Galeano, wie er am Ende anmerkt, seinen „jüdischen Freunden, die von durch Israel beratenen lateinamerikanischen Diktaturen ermordet wurden„, widmet.

Dieser Kommentar, der auf dem TAZ-Blog unkommentiert blieb, ist ein perfides anti-israelisches Pamphlet (Galeano bezeichnet das Vorgehen der israelischen Armee gegen die Hamas als „Ausrottungskrieg„, als „Operation ethnischer Säuberung„), in dem Israel und die USA („Obermacher-Weltmacht„) für alle Übel dieser Welt verantwortlich gemacht und, der abstrusen Argumentation folgerichtig, die Palästinenser zu Widerstandskämpfer und Opfer des „israelischen Staatsterrorismus“ stilisiert werden.

Über jemanden, der den islamistischen Selbstmord- und Raketenterror als Manifestation der „Verzweiflung“ bezeichnet und damit legitimiert, der überall die „Manipulationsmassenmedien“ am Werk sieht und der überdies noch die Schamlosigkeit besitzt, dieses Machwerk toten Juden zu widmen, bräuchte man keine Worte mehr verlieren. Wer so argumentiert, nimmt sich selbst aus einer ernsthaften politischen Debatte.

Doch Galeano ist kein namenloser Spinner, sondern ein linker Strahlemann, und, ich fürchte, seine Positionen werden von vielen globalisierungskritischen Linken und Friedensbewegten (hier ein Beispiel) geteilt – wenn nicht gar von einer Mehrheit. Deshalb muss man sich mit den Galeanos dieser Welt und mit ihren grauenhaften Ansichten auseinandersetzen. Ihr dualistisches Weltbild kennt nur abgrundtief böse Täter und absolut unschuldige Opfer, in deren Namen sie ihre Glaubenssätze selbstgerecht absondern. Um diesem Blendwerk, das sie über alle Konflikte und Auseinandersetzungen stülpen, zu entsprechen, müssen die Verbrechen und Unmenschlichkeiten, die von den Unterdrückten dieser Erde begangen werden, ebenso geleugnet werden wie alle fortschrittlichen Forderungen und Handlungen der Unterdrücker.

Im Grunde sind die Galeanos dieser Welt Gläubige, säkularisierte zwar, aber ihren frommen Brüdern und Schwestern wesensgleich, anerkennt doch beider Denken nur eine einzige Wahrheit, die absolute nämlich.

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Journalismus und Krieg

Freitag, 9. Januar 2009 20:15

friedenstaubeIm Lichte der jüngsten Eskalation im Nahen-Osten ist ein anderer Konfliktherd aus dem medialen Blitzlichtgewitter verschwunden: Der Kaukasus-Konflikt, der im August des letzten Jahres zu einer offenen kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Georgien und Russland geführt hat.

Während für die beiden Philosophen und Essayisten André Glucksmann und Bernard-Henri Levy der Hauptschuldige des Konflikts sofort feststand, nämlich Russland und Putin, was sie in einem wütenden Manifest („SOS Georgien? SOS Europa!„) unmittelbar nach Kriegsbeginn in der französischen Tageszeitung „Liberation“ zu verkünden wussten (hier die deutsche Übersetzung), in dem sie vor allem die ihrer Meinung nach feige und zögerliche Haltung der Europäischen Union gegenüber Russland massiv kritisierten, hat ein anderer Literat und Journalist, einer, der zur Zeit der Kämpfe in der Region weilte und sich somit vor Ort ein Bild zu machen versuchte, nicht in das anti-russische Vorverurteilungsgebrüll seiner Kollegen eingestimmt. Jonathan Littell, Autor des Jahrhundertwerks „Die Wohlgesinnten„, hat einen kurzen Text verfasst, der als „Georgisches Reisetagebuch“ im Berlin-Verlag erschienen ist, in dem er vor allem eines klar legt: Die Schwierigkeit des journalistischen Augenzeugen sich Klarheit und Übersicht zu verschaffen, und die Unmöglichkeit Fakten als solche überhaupt zu erkennen und zu ordnen.

Littell hat folglich nicht herausgefunden, wer denn nun der Täter und wer das Opfer war. Er lässt viele Vertreter der unterschiedlichen Konfliktparteien zu Wort kommen, die uns, den Leser, die jeweilige Sicht auf den Konflikt nahebringen. Was sich als Faktum behauptet in den Erzählungen der Befragten, entpuppt sich bei näherer Recherche zumeist als Gerücht, als von dritten gehörte Erzählung.

In diesem Kontext findet Kriegsberichterstattung immer statt. Sie ist zumeist ein Gebräu aus vorgefassten Meinungen und aufgeschnappten Gerüchten. Sie ist in diesem Sinne parteiisches Manifest wie jenes von Glucksmann und Levy. Littells Verdienst besteht darin, diesen Kontext erhellt zu haben.

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Thurnher und das Web

Donnerstag, 18. Dezember 2008 20:24

Vor einigen Jahren fand im Museumsquartier eine Podiumsdiskussion statt. Irgendwie ging’s um neue Medien und Internet, ich kann mich nicht mehr so genau ans Thema erinnern. In Erinnerung blieb mir allerdings der verbale Schlagabtausch zwischen Franz Manola, damals für ORF.at verantwortlich, und Armin Thurnher, damals wie heute Chefredakteur beim Falter. Manola pries die Blogosphäre, sprach von der Macht einzelner Blogger in den USA, und vertrat die Ansicht, Karl Kraus wäre, wenn es ihn denn heutzutage noch gäbe, mit seiner „Fackel“ im Netz.

Thurnher hielt dagegen, Karl Kraus sei der exemplarische Antipode zu den Bloggern. Er sei doch ein Genauigkeitsfanatiker gewesen, der seine Nächte in der Druckerei verbracht und den Setzer zur Verzweiflung gebracht habe, weil ihm ein falsch gesetzter Beistrich genauso so getroffen habe, wie der Verlust eines ganzen Buchmanuskripts. Für Kraus sei eben die Form die Sache gewesen, ein wesentlicher Aspekt, der sich in der Idee des Qualitätsjournalismus widerspiegle. Den Webloggern sei diese Idee allerdings völlig fremd.

Im Lichte dessen ist Armin Thurnhers jüngster Kommentar im Falter mit dem Titel „Warum ich mich weigere, das Internet als Medium wirklich ernst zu nehmen“ nur folgerichtig. (Folgerichtig steht der Kommentar auch nicht im Web.)

Einer der wichtigsten Printjournalisten des Landes hat ein trotziges Anti-Internet-Manifest geschrieben, eine kulturpessimistische Klage gegen das Netz der Netze, das er vor allem als „Kombination von egomanischen Ich-AGs der Blogosphäre mit hemmungslosen Diensteleistern (von Pornoindustrie bis Glückspiel) und Massen von habituellen Selbstvermummern“ zu beschreiben versucht. Nicht nur das Urheberrecht gehe vor die Hunde, sondern auch die vom Bürgertum erkämpfte Freiheit, sich „als Personen offen mit ihrer Identität zu ihren Grundsätzen und Äußerungen (zu) bekennen„, weil „Myriaden von Postern (…) die sich nicht aus der Deckung zu wagen brauchen und hinter Pseudonymen verstecken können„.

Als Beleg für die feigen Poster führt er an, dass alle Internet-Foren heimischer Massenmedien nach Haiders Tod geschlossen werden mussten, weil die anonymen Poster „nicht an sich halten konnten„.

Während ich das schreibe, denke ich, schau’ doch kurz auf Blumenaus FM4-Blog vorbei, der hat sicher schon was dazu geschrieben … Hat er (hier), und für ihn klingt Thurnhers Text „wie die Resolution der Protestversammlung der Kutscher gegen die nahende Dampfeisenbahn„.

Sein Fazit:

Thurnher nennt die Blogs „egomanische Ich-AGs“, ich nenne sie klassisches Geschichtenerzählen, das jedermann zugängliche Äquivalent zum Autoren-Kino. Diese Themenstellung benötigt nichts außer einer plastischen Beschreibung von Erlebtem und der offenen Zurschaustellung von Gedanken.

That’s it, und ob Karl Kraus Blogger gewesen wäre, weiß ich nicht, großes Autorenkino war er aber in jedem Fall. Und übrigens: Die „Fackel“ hängt als digitale Version im Netz. Hier registrieren, und los geht’s.

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The Yes Men

Samstag, 15. November 2008 0:07

This guy’s just a garbage man. There ought to be limits to freedom. Of course I don’t appreciate it — and you wouldn’t either.
(George Walker Bush)

Not amused war der Herr Präsident, als er die Bekanntschaft mit „The Yes Men“ machte. Wobei, Bekanntschaft, wäre zu viel gesagt: Bush kannte die Kerle ja nicht, die für seine gefakte Website (http://www.gwbush.com) verantwortlich waren, auf der er während seines ersten Wahlkampfes im Jahre 2000 allerlei Bosheiten über sich selbst zu lesen bekam.

Schade, dass es diese Seite nicht mehr gibt; aber auch die jüngste Intervention von „The Yes Men“ kann sich sehen lassen: Letzten Mittwoch ließen sie eine täuschend ähnliche Sonderausgabe der New York Times in einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplare in New York, Los Angeles, San Francisco, Chicago, Philadelphia und Washington von tausenden Helfern kostenlos verteilen. Die Ausgabe, datiert mit 4. Juli 2009, „Iraq War ends“ als Headline, nahm Barack Obamas Wahlkampfankündigungen ernst und imaginierte eine Welt ohne Guantánamo und mit Krankenversicherung für alle Amerikaner. Die mediale Intervention, die auch als Website existiert, ging rund um den Globus.

The Yes Men“ sind gewissermaßen digitale Situationisten, die den Herren der digitalen Ökonomie so manchen Streich spielen. Bekannt geworden sind sie im Jahre 1999, als sie die Website der Welthandelsorganisation (World Trade Organisation – WTO) nachbauten und darauf u.a. die Wiedeinführung der Sklaverei anregten – als wirksamste Strategie zur Bekämpfung der Armut in Afrika. Einige Jahre später im Jahre 2004, am 20. Jahrestag der Giftkatastrophe im indischen Bhopal, gab ein Mitglied des Kollektivs ein Interview für BBC World. Als Sprecher von Dow-Chemical kündigte er an, dass sein Unternehmen die Familien der Opfer der Chemiekatastrophe mit mehr als 12 Milliarden Dollar entschädigen werde. Die Aktionäre von Dow-Chemical schmissen die Nerven weg, der Kurs sackte kurzfristig dramatisch ab.

Im Web und auf Youtube sind weiter Aktionen der „Yes“-Männer dokumentiert.

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Ohne mich!

Montag, 13. Oktober 2008 18:35

Erfreuliches in finsteren Zeiten: Marcel Reich-Ranicki hat den „Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk“ abgelehnt, eine Auszeichnung, die ihm in einer dieser grottenschlechten Samstagabend-TV-Shows des öffentlich-rechtlichen ZDF hätte verliehen werden sollen. Hier ein Interview mit Reich-Ranicki und hier der Kommentar der darob beglückten Heike Heidenreich („Wunderbar. Danke auf ewig!„).

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Hollywoods hand

Sonntag, 21. September 2008 8:04


Maximilian und Franz

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ich einem Oscar-Preisträger und Hollywoodstar die Hand schütteln kann, aber da Franz mit Maximilian Schell seit Jahren mehr oder weniger dicke ist und ich wiederum mit Franz, bin jetzt auch ich mit Maximilian dicke. Hätte ich mir gestern noch nicht gedacht. However, der weltberühmte Schauspieler kam eigens nach Wien zur WIPA 2008 ins Austria Center. Für Nichteingeweihte: WIPA steht für Wiener Internationale Postwertzeichen Ausstellung. Für alle Philatelisten, also für jene Spezies Mensch, die gemeinhin als Briefmarkensammler bezeichnet wird, ein absolutes Highlight, und weil die Österreichische Post Maximilian Schell eigens eine Marke gewidmet hat, schaute der Star himself für ein Interview und eine Autogrammstunde vorbei.

Der mittlerweile 77-jährige Schell ist ein begnadeter Geschichtenerzähler, der obendrein über die rare Gabe verfügt, prominente Kollegen hinreißend zu imitieren. Das Interview mit dem tranigen Krone-Journalisten Georg Markus hat er, wie man so sagt, geschmissen, indem er dessen hintergründige Fragen ignorierte und stattdessen amüsante Anekdoten und Schnurren aus seiner langen Karriere zum Besten gab. So erzählte er u.a., dass ihm eigentlich Marlon Brando, mit dem er sich im Zuge der Dreharbeiten zu „Die jungen Löwen“ anfreundete, die englische Sprache beibrachte. Im Gymnasium musste er auf Anraten des Vaters Griechisch wählen, war dieser doch felsenfest davon überzeugt, die Sprache Homers könne man im späteren Leben immer brauchen; Englisch hingegen sei nur nützlich, um Shakespeare im Original zu lesen, was zwar auch nicht schlecht sei, aber als Argument viel zu schwach, um auf das Erlernen des Griechischen zu verzichten. Deshalb hatte Schell in Hollywood seine Rollen zunächst phonetisch zu erarbeiten, ehe er mit Hilfe von Brando die englische Sprache sich aneignen konnte.

Maximilian Schell ist mir vor allem in der Rolle des Strafverteidigers der Nazirichter in Erinnerung (Das Urteil von Nürberg von Stanley The Message Kramer), für die er 1962 den Oscar in der Kategorie Bester Hauptdarsteller bekam, aber auch als Regisseur der Dokumentarfilmportraits über die große Marlene Dietrich (Marlene) und Maria Schell (Meine Schwester Maria).

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Lindschi

Samstag, 13. September 2008 18:12


Ernst Molden in der Bunkerei

Am 12. September 2003 starb Johnny Cash in Nashville, Tennessee. Auf den Tag genau fünf Jahre später trafen sich einige Seelenverwandte in der Bunkerei im Wiener Augarten, um unter dem Motto „No cash. No hope“ den „Man in Black“ hochleben zu lassen. Mika Vember & Band (große Entdeckung), Ernst Molden und Fritz Ostermayer, der in den kurzen Umbaupausen die randvolle Hütte mit dem Anlass entsprechenden Songs beschallte. Ernst Molden und seine kongenial ins Wienerische transponierten zeitlosen Songs von Dylan, Oldham, Williams, Cave und eben Cash muss man einfach lieben.

Ein Beispiel:
Der Song „Give my love to Rose“ von Johnny Cash, der folgenden Refrain hat:

Give my love to Rose, please, won’t you mister?
Take her all my money, tell her „Buy some pretty clothes.“
Tell my boy that daddy’s so proud of him.
And don’t forget to give my love to Rose.

Bei Ernst Molden heißt der Song „Lindschi„, und hier seine wunderbare Übersetzung des Refrains:

Geh hearst, gib da Lindschi no a Bussi,
bring ihr de zwa Kilo, Oida, sei so guad zu mir,
sag mein Buam, i find eam wirklich leiwand,
und des Bussi legst da Lindschi vur de Tir.

Lindschi“ zum Anhören

Wenn ich solche Texte höre, bin ich nicht nur nahe am Wasser gebaut, sondern längst im Wasser. Danke, lieber Ernst Molden.

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Breaking the rules

Donnerstag, 31. Juli 2008 18:10

Sommer 1979. Ein Wirtshaus im Waldviertel. Im „Extrazimmer“ standen ein Billardtisch, zwei Flipperautomaten und ein „Wuzzler„, also die großen Trostspender für jene quälenden Momente, in denen der Heranwachsende sich kaum mehr in der Lage sieht, sein sexuelles Begehren mit dem Verweis auf das „Prinzip Hoffnung“ zu bändigen. Zwischen diesen Rettungsapparaturen stand auch ein alter Wurlitzer aus den späten 1960-er Jahren. Neben deutschsprachigem Schlagergut war die Jukebox auch mit einigen zu jener Zeit gerade angesagten Songs aus den Pop-Charts bestückt. Ich erinnere mich noch, dass der Soundtrack zu unserem Automatensex vor allem aus den folgenden fünf Songs bestand: „Rivers of Babylon“ (Boney M.), „Tragedy“ (Bee Gees), „Born to be alive“ (Patrick Hernandez), „Chiquitita“ (Abba) und dem einzigen Song, den ich wirklich mochte, „Le Freak“ von Chic. Es war die Zeit der Disco-Musik, der „Scheiß-Disco„-Musik, wie ich zu sagen pflegte, die nicht meine Musik war. Meine Musik jener Jahre war die Rock-Musik der 1960-er, und frühen 1970-er Jahre, die, was mir damals überhaupt nicht in den Sinn kam, bis auf die große Ausnahme Jimi Hendrix, ausschließlich eine von „Weißen“ produzierte war. Aber „Le Freak“ gefiel mir, wenngleich ich das damals nie und nimmer eingestanden hätte. Der Song, mehrere Wochen Nummer 1 in den USA (Billboard Charts), schaffte als beste Platzierung den 6. Platz in den Ö3-Charts, wie ich jetzt herausgefunden habe.

An diesen längst vergangenen Wirthaussommertraum erinnerte ich mich, als Nile Rodgers, Mastermind von Chic, in dem hervorragenden Dokumentarstreifen Breaking the Rules, der sich mit der US-Amerikanischen Gegenkultur beschäftigt, über die Entstehung von „Le Freak“ folgende Story erzählte: Auf Einladung von Disco-Queen Grace Jones wollte er ins New Yorker Studio 54, in den späten 1970-er Jahren der hippste Discotempel der Welt, aber als „Schwarzer„, den die „weißen“ Türsteher nicht erkannten, blieb ihm der Eintritt verwehrt. „Aaaaahh, fuck off„, dachte er sich, und aus diesem „Aaaaahh, Fuck off“ wurde dann der Millionenseller „Aaaaahh, Freak out„, weil, wie er lächelnd anmerkt, das „F-Word„, heute in jedem Kinderprogramm zu hören, zu jener Zeit Radioverbot für einen Song bedeutet hätte.

Ob Mythos oder nicht, die Story ist deshalb wahr, weil sie den sozialen und politischen Kontext anspricht, der „black music„-Songs inhärent ist – unabhängig davon, ob sie den Kontext explizit ansprechen oder nicht. Amiri Baraka, Schriftsteller und Aktivist der Black Power Bewegung, hat das in seinem Buch „Blues People“ präzise erläutert. (Dass Amiri Baraka wiederholt mit antisemitischen Statements auffällig geworden ist, muss auch erwähnt werden.)

In „Breaking the Rules“ kommen neben vielen anderen auch Rodgers und Baraka zu Wort. Warum dieser Film so sehenswert ist, beschreibt der ARTE-Ankündigungstext, den ich mit Links versehen habe, durchaus treffend:

Gemeinsam mit Ruth Weiss, Lawrence Ferlinghetti und Michael McClure betritt der Zuschauer die Clubs der 50er Jahre im New Yorker Village und in North Beach/San Francisco. Hier treffen Jazz und Poetry aufeinander. Mit Amiri Baraka und Melvin van Peebles träumt der Zuschauer von einer gerechteren Welt, in der Schwarze und Weiße als Brüder an einem Tisch sitzen, er kämpft mit Anne Waldman und Ed Sanders gegen den Vietnam-Krieg, braust mit Peter Fonda über die Highways, feiert mit Wavy Gravy und Ray Manzarek den „Summer of Love“ und wird an der Seite von Afrika Bambaataa, RZA, Kurtis Blow und Grandmaster CAZ Zeuge der ersten Hip-Hop-Blockparties in der Bronx.
Ein Phänomen verbindet dabei alle Bewegungen miteinander, die Kommerzialisierung von Gegenkultur. Der Film dokumentiert, wie nach einer anfänglichen Phase des Misstrauens und der Ablehnung seitens der etablierten Gesellschaft, der Markt die Codes der Gegenkultur übernimmt und Teil der Alltagskultur werden lässt. Doch Gegenkultur lässt sich nicht wirklich zähmen. Sie scheint vielleicht eine Zeitlang verschwunden zu sein, um dann umso überraschender wieder aufzutauchen – erst versteckt, dann aber immer lauter.

Der Dokumentarfilm wird auf ARTE heute (um 3.00 Uhr – Showview: 8727197) und am 9. August (um 1.10 Uhr – Showview: 1459855) wiederholt.

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Motortown

Freitag, 18. April 2008 19:16

Der junge britische Dramatiker Simon Stephens, in der Tradition des britischen In-Yer-Face Theatre stehend, das den Anspruch hat, thematisch und sprachlich das Publikum zu schockieren, zeigt in seinem Stück Motortown, zurzeit am Akademietheater in einer Inszenierung von Andrea Breth zu sehen, einen Tag im Leben eines Soldaten der britischen Armee, der im irakischen Basra stationiert gewesen war und seit seiner Heimkehr von diesen Kriegserfahrungen immer wieder eingeholt wird. Danny, so sein Name, wurde im Irakkrieg Zeuge von Folter und Vergewaltigungen. Wiewohl er selbst nicht daran beteiligt war und deshalb bei den Kameraden als Weichei galt, wird er das Erlebte nicht mehr los: Zurückgekehrt in sein Londoner Stadtviertel holt er alles nach: Er wird zum Folterer und Mörder.

Stephens spricht in einem Interview einerseits davon, dass er seinen Protagonisten weder als Schuldigen noch als Opfer darstellen wollte, weil die Kategorien Gut und Böse längst ihre Gültigkeit verloren hätten. Anderseits, so sagt er, empfinde er für Soldaten, die von einem Militärgericht für die Misshandlung von irakischen Gefangenen verurteilt wurden (vgl. dazu hier), mehr Mitleid, als für prominente Kriegsgegner wie Damon Albarn oder Harold Pinter.

Ich will diesen Widerspruch nicht weiter ausführen, nur kurz zitieren, was er sonst noch so sagte:

Ich glaube, dass der (Irak)Krieg unvermeidbar war. Er ist ein Produkt des späten Kapitalismus, von ungetrübter Konsumkultur. Die Leute, die gegen den Krieg für Öl aufmarschierten, sind die gleichen, die ohne Bedenken mit Billigfluglinien herumreisen. Wir alle sind nicht einverstanden, dass Menschen sterben, um die Ölvorräte zu sichern. Aber die westliche Gesellschaft ist nun einmal abhängig vom Öl. Man kann also nicht beides haben.“

Egal. ob man diese monokausale Erklärung für den Irakkrieg teilt oder nicht: In der Inszenierung kommt davon überhaupt nichts rüber. Es mag auch sein, dass sich Stephens, wie ich irgendwo gelesen habe, von Scorseses Taxi Driver inspirieren ließ. In jedem Fall, das behaupte ich jetzt einmal, werden all jene, die Taxi Driver oder etwa Michael Ciminos The Deer Hunter (deutscher Titel: Die durch die Hölle gehen) gesehen haben, mit Motortown beziehungsweise mit dieser Inszenierung des Stückes nicht viel anfangen können. Ganz zu schweigen von denen, die in No Country for old men von den Coen-Brothers im Kino gesessen sind, und verstörend feststellen mussten, auf der Leinwand etwas gesehen zu haben, was sie zwar alles schon einmal gesehen hatten, aber SO eben doch noch nie!

Was bleibt? Vor allem der den Dany spielende Nicholas Ofczarek, vor allem dessen grandioses Scheitern an der Figur. Ofczarek mimt einen Zappelphilipp, der den anderen Ensemblemitgliedern im Wortsinn keinen Raum lässt. Er fetzt, wild um sich schlagend, über die Bühne und durch den Text. Er schafft es, uns als Zuseher völlig gegen diesen Typen aufzubringen, weil sein Spiel alle Zwischentöne, die Stephens’ Text ohne Zweifel hat, wegwischt. Furchtbar! Einzig das von Udo Samel und der hinreißenden Andrea Clausen verkörperte Mittelklasseehepaar, das Dany für einen flotter Dreier gewinnen möchte, und dabei ihre sabbernde Geilheit offen legt, werden unvergessen bleiben.
Fazit: Weniger wäre unendlich viel mehr gewesen.

Was mir aber noch viel zentraler erscheint: Ich denke, Schockgeschichten funktionieren am Theater nicht mehr, zumindest nicht mehr für mich und mit Sicherheit auch nicht mehr für die TV-Internet-Kinojunkies, also die Mehrheit der jungen Leute. (Bei denen, die Digitalmedien abstinent leben, mag das anders sein.)

Wer etwas über Entstehung und Folgen von heutigen Kriegen erzählen will, der kann das in Zeiten digitaler Medien nur mehr, indem er das Kino, den Film, die Video Games, die neuen digitalen Medien mitdenkt, weil uns Kriege auch nur mehr so vermittelt werden. Eine Inszenierung, die dieses Mitdenken auf mit krachendem Sekundenlärm unterlegte Blackouts (zwischen jeder Szene ging das Licht für einige Sekunden aus) reduziert, muss zwangsläufig scheitern.

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Die Wohlgesinnten

Dienstag, 1. April 2008 18:15

Die mediale Aufmerksamkeit, mit der Die Wohlgesinnten, so der deutsche Titel des Romans von Jonathan Littel, der vor zwei Jahren im französischen Original erschienenen ist und sowohl beim Publikum (rund 800.000 verkaufte Exemplare) als auch bei der Kritik (prämiert u. a. mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis, den der Autor aber dankend ablehnte) großen Anklang fand, im deutschsprachigem Raum bedacht wird, dürfte im Buch- und Verlagssektor wohl einzigartig sein. Die FAZ hat eigens einen Reading-Room eingerichtet, also eine Internet-Plattform, auf der Auszüge aus dem Werk ebenso zu finden sind wie Kommentare von Historikern, Schriftstellern und Literaturkritikern sowie zahlreiche Rezensionen, die in deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen erschienen sind. Dass auch der Berlin-Verlag, in dem das Buch verlegt wurde, eine eigene Website eingerichtet hat mit Interviews, Links zu Quellenmaterialien, historischen Backgroundinfos, literaturphilosophischen Einordnungsversuchen sowie einer vom Autor selbst zusammengestellten Literaturliste, überrascht somit ebenso wenig, wie der beinahe schon obligatorisch gewordene WIKIPEDIA-Eintrag.

Warum diese Aufmerksamkeit, dieses Feuilletongetöse – noch dazu ein über weite Strecken ablehnendes (große Ausnahmen: Klaus Theweleit mit einer brillanten Gegenrede und Wolfgang Schneider im Deutschlandfunk) – über einen literarischen Text, dessen Themen, das Naziregime, WK II und die Vernichtung des europäischen Judentums, nahezu täglich in Dokumentationen, Diskussionen und Filmen im deutschen Rundfunk, vorwiegend in den Dritten Programmen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Hörfunks, behandelt werden, dennoch nachvollziehbar ist, hängt wohl mit dem ungewöhnlichem Verfahren zusammen, dass Jonathan Littell, ein in Amerika geborener Jude, der mittlerweile französischer Staatsbürger ist, gewählt hat. Auf Basis von Aufzeichnungen, Berichten und Reden der Nazis und in umfassender Kenntnis der zeitgeschichtlichen Forschungsliteratur konstruiert er seinen Ich-Erzähler, den SS-Obersturmbannführer Dr. iur. Maximilian Aue. Diesen Kunstnazi lässt er über die Barbarei sprechen – reuelos.

(„Diesen Leuten Reue zu geben hieße, ihnen etwas zu geben, was sie nicht hatten.“ Jonathan Littell)

Aue, nach WK II in Frankreich untergetaucht, schreibt 40 Jahre später seine Erinnerungen. Mit der Aue’schen Perspektive (= das ist die Perspektive des jüdischen Schriftstellers, der sich in einen SS-Mörder versetzt), mit diesem Kameraauge, zoomen wir auf das Grauen. Was wir zu sehen bekommen, ist mit einer oftmals unerträglichen Genauigkeit und Drastik gezeichnet (etwa die Massaker der SS-Einsatzgruppen in der Schlucht von Babyn Yar im Jahre 1941). Dass viele Literaturkritiker sich gerade an dieser Drastik stoßen, dem Autor Pornografie vorwerfen, ist äußerst merkwürdig:

Solche Beschreibungen haben ihre Berechtigung, weil es nun einmal der Körper ist, der im Krieg leidet: unter völligem Mangel an Hygiene, verschlissener Kleidung, Hunger und Krankheit, extremen Wetterverhältnissen, Hitze oder schneidender Kälte. Und natürlich vor allem unter den vielfältigen Waffen, die nur einen Zweck haben: menschliche Körper möglichst nachhaltig zu zerfetzen.“ (Wolfgang Schneider).

Diese Berichte der Barbarei, oftmals in Form von Alpträumen und Wahnvorstellungen wiederkehrend erzählt, sind eingewoben in einen grotesken Family-Thriller – in Anlehnung an die Orestie des Aischylos (Aue liebt seine Schwester inzestuös, hasst und mordet seine Mutter, und wird deshalb auch von zwei Kriminalpolizisten gejagt).

Auch ein weiterer Vorwurf, wonach Littell ein Nazi-Intellektuellen-Milieu schildere, das es so nicht gegeben hätte, geht ins Leere bzw. zeigt lediglich, dass viele Rezensenten jüngste Forschungsergebnisse noch nicht zur Kenntnis genommen haben. So hat etwa der am Hamburger Institut für Sozialforschung tätige Historiker Michael Wildt in seiner Studie über das Personal des Reichssicherheitshauptamtes, also jener Behörde, die den Judenmord maßgeblich organisierte, und der Littells Aue angehört, gezeigt, dass mehr als drei Viertel des Führungskorps Matura, zwei Drittel überwiegend Jus studiert und nahezu ein Drittel einen Doktortitel hatten. Wildt schreibt dazu in seiner Einleitung:

Diese Täter lassen sich nicht in ein gängiges Verbrecherbild einordnen. Sie waren keineswegs sadistische oder gar psychopathische Massenmörder, sondern offenkundig weltanschaulich überzeugt von dem, was sie taten. Sie stammten nicht vom Rand als vielmehr aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft, hatten eine akademische Ausbildung hinter sich, etliche führten sogar einen Doktortitel.

Dieser Aspekt, der seit den Nürnberger Einsatzgruppenprozessen bekannt ist, wurde im Verlauf der 50-er und 60-er Jahre allerdings ausgeblendet.

Stimmiger schienen andere Täterbilder zu sein: NS-Täter als sozial Deklassierte, als Bürokraten und Schreibtischtäter, als ideologiefreie Technokraten oder rationale Sozialingenieure, als ‚ordinary men’ oder ‚ganz normale’ Täter.

Das wohl am meisten verstörende an Littells Buch hat Wolfgang Schneider wie folgt formuliert:

Geschickt operiert Littell auf einer Grenzlinie. Max Aue gehört einerseits zur SS-Elite, ist uns andererseits aber nahe genug für die Lektüre-Identifikation. Er ist umgeben von SS-Leuten, die bornierte Unsympathen oder Fanatiker sind. Oft kommt es zu Streitigkeiten – und in diesem Zusammenhang schlagen wir uns beim Lesen unweigerlich auf Aues Seite.

Ohne es zu merken, werden wir zum Mörder!

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