Bücherbörse

In Wien findet seit etlichen Jahren, in Abständen von drei bis vier Monaten, eine Bücherbörse statt, also kein Flohmarkt für Bücher, sondern der größte Markt für gebrauchte und antiquarische Bücher in Österreich. Leser und Sammler von Büchern können gegen eine Eintrittsgebühr von 3 Euro in einem zigtausende Bücher umfassenden Angebot stöbern, das von antiquarischen Kostbarkeiten bis zu billigen Taschenbüchern reicht, und von professionellen Händlern, aber auch von privaten Anbietern bereit gestellt wird. Da ich mich beim ersten Besuch einer Bücherbörse in eine Liste eingetragen habe, bekomme ich immer rechtzeitig einen Flyer mit Infos zur jeweils nächsten Veranstaltung. Über die Jahre bin ich somit zu einem Stammgast der Bücherbörsen geworden. Als Veranstaltungsort fungierte immer ein mittelgroßer Saal der Wiener Stadthalle oder des Austria Centers.

Seit längerer Zeit fand sich kein derartiger Flyer mehr in meinem Briefkasten, was ich mir aber mit dem in letzter Zeit auffallend schlechter gewordenen Zustellservice der Österreichischen Post erklärte. Ich war daher auch nicht sonderlich überrascht, am Praterstern ein Plakat zu sehen, das die nächste Bücherbörse für den 13. Jänner ankündigte. Der Ort hat mich allerdings verwundert: Arcotel Wimberger stand da zu lesen, ein altes und in den 1990-er Jahren modernisiertes Hotel am Neubaugürtel.

Der Ort ist Programm, dachte ich mir, als ich durch die Drehtür in die Hotellobby eintrat. Keine Portiere, wie in der Stadthalle, an denen man acht- und grußlos vorbeiging, aus Erfahrung wissend, dass ein „Guten Tag“ unerwidert bleibt, sondern servicegeschultes Hotelpersonal, das mich als Gast freundlich willkommen heißt, ein gegenseitiges Einverständnis voraussetzend, dass hier nichts kostenlos zu haben ist. Ich zahlte die 3 Euro Eintrittsgebühr und machte mich auf zu einem ersten Rundgang. Als ich den fensterlosen und nur spärlich ausgeleuchteten Saal betrat, fiel mir sofort auf, dass nicht nur wesentlich weniger Tische vorhanden waren, als bei früheren Bücherbörsen, sondern dass auch nicht so viele am Angebot Interessierte gekommen waren. Trotzdem war an ein lustvolles Stöbern und Schmöckern nicht zu denken, weil die Tische viel zu eng platziert waren. Aber, ich befand mich ja in einem Hotel, und in der Hotelbar gab’s eine wirklich gute Melange und eine frische Zimtschnecke. Nach einer halben Stunde Auszeit im weichen Fauteuil kehrte ich zu den Büchern zurück. Da sich mittlerweile noch weniger Leute als vorher im Raum befanden, konnte ich mir, ohne geschoben oder gerempelt zu werden, rasch einen Überblick über das Angebot verschaffen. Ich erwarb „Jedermann“ von Philipp Roth, eine 2007 erschienene Biographie über William Shakespeare und einen Nesser-Krimi – allesamt im Hardcover, fast wie neu und zusammen für 15 Euro. Leserherz was willst du mehr, könnte man sagen.

Dennoch fällt die Bilanz ambivalent aus: Ob es sich für die Organisatoren wirklich gelohnt hat, ins Viersternehotel upzugraden oder ob sich derartige Veranstaltungen nicht bereits überholt haben, weil sich mit Amazon und eBay neue und vergleichsweise konkurrenzlose Vertriebs- und Verkaufsplattformen auch für gebrauchte Bücher auftaten, wird sich wohl bald zeigen. Vielleicht schon am 20. April. Dann soll, wie ich dem Flyer, der mir beim Verlassen in die Hand gedrückt wurde, entnehmen konnte, die nächste Bücherbörse über die Bühne gehen – wieder im Hotel Wimberger.

P.S. Im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass die Bücherbörse jetzt von einem anderen Veranstalterteam organisiert wird. Hier findet man die Infos dazu.

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Datum: Montag, 14. Januar 2008 21:44
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