Wattstax

Als am 11. August 1965 in Watts, einem nahezu ausschließlich von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil von Los Angeles, zwei junge Schwarze im Zuge einer Fahrzeugkontrolle von Polizisten der California Highway Patrol, die für ihre rassistischen Übergriffe berüchtigt war, verhaftet wurden, brachen schwere Unruhen aus, die nach sechs Tagen von der Nationalgarde niedergeschlagen wurden. Die Folgen: 34 Tote, tausende Verwundete und rund 4000 Verhaftete in sechs Tagen – ein Jahr später wurde die Black Panther Party gegründet.

Davon habe ich noch nie etwas gehört. Ebenso wenig wusste ich, dass am 20. August 1972 im Los Angeles Memorial Coliseum ein von Stax Records organisiertes Konzert mit Black Music Größen (z. b. The Dramatics, Staple Singers, The Bar-Kays, Carla & Rufus Thomas und Isaac Hayes) vor über 100.000 Zusehern stattfand, in Erinnerung an die Watts-Unruhen. Das Konzert wurde von Mel Stuart filmisch dokumentiert, kam unter dem Titel „Wattstax“ 1973 in die Kinos und bekam 1974 einen Golden Globe in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“.

Hier die Interpreten und Songs in der Reihung der Auftritte im Film:

• „What You See Is What You Get“ (The Dramatics)
• „Oh La De Da“ (Staple Singers)
• „We the People“ (Staple Singers)
• „Star-Spangled Banner“ (Kim Weston)
• „Lift Ev’ry Voice and Sing“ (Kim Weston)
• „Respect Yourself“ (Staple Singers)
• „Someone Greater Than I“ (Jimmy Jones)
• „Lying on the Truth“ (Rance Allen Group)
• „Peace Be Still“ (The Emotions)
• „Old-Time Religion“ (William Bell, Louise McCord, Debra Manning, Eric Mercury, Freddy Robinson, Lee Sain, Ernie Hines, Little Sonny, the Newcomers, Eddie Floyd, the Temprees, Frederick Knight)
• „Son of Shaft/Feel It“ (The Bar-Kays)
• „I’ll Play The Blues For You“ (Albert King)
• „Jody’s Got Your Girl and Gone“ (Johnnie Taylor)
• „Walking the Back Streets and Crying“ (Little Milton)
• „I May Not Be What You Want“ (Mel and Tim)
• „Pick Up the Pieces“ (Carla Thomas)
• „Do the Funky Chicken“ (Rufus Thomas)
• „If Loving You Is Wrong, I Don’t Want to be Right“ (Luther Ingram)
• „Theme from Shaft“ (Isaac Hayes)
• „Soulsville“ (Isaac Hayes)

Vive la France

Was mich an den bisherigen EURO 2008 Spielen so freut, ist die Tatsache, dass durchwegs jene Teams gewonnen haben, die offensiven Kombinationsfußball spielen und nicht die Jammerlappen, die sich hinten hineinstellen und auf Abwarten spielen. Ich behaupte einmal: Hätte Josef Hickersberger gegen die Kroaten nicht solch eine Angsthasenformation als Startelf auflaufen lassen – immerhin sechs defensiv ausgebildete Spieler –, die Kroaten müssten heute gegen die Polen um den Einzug ins Viertelfinale zittern.
Man kann nur hoffen, dass sich der österreichische Teamchef nach dem Polenspiel, wo er herrlich „Hollywood“ (Ernst Happel) spielen ließ, neuerlich zu einer „Alles-oder-Nichts“ Formation durchringen kann.

Die bisherigen Spiele zeigten jedenfalls eindringlich, dass Spiele deshalb verloren gingen, weil zu zaghaft und zu wenig risikobereit gespielt wurde. Jüngstes Beispiel: Die Begegnung zwischen den Tschechen und den Türken. Als der tschechische Coach Karel Brückner seinen Spielgestalter Jaroslav Plasil herausnahm und einen defensiven Verteidiger hineinholte, in der irrigen Hoffnung, den Vorsprung (2:0) über die Runden zu bringen, bekamen die Türken sofort Oberwasser. Trotz der vielen Mehrfachverletzten am Platz, man denke etwa an den beinahe Ganzkörperbandagierten Servet, bekamen die Türken aber so was von Oberwasser, und der Halbtote Servet und der groß aufspielende Nihat trieben die Ihren unaufhörlich in die Tschechische Hälfte, wo sie das schier Unmögliche realisierten: Sie verwandelten ein 0:2 in ein 3:2 – und stehen verdientermaßen im Viertelfinale.

Klarerweise sind daher auch die griechischen Bunkerkönige draußen. Ihr totaler Anti-Kick war schon bei der EURO 2004 in Portugal nicht anzusehen, aber was damals sich irgendwie ausging, geht heute absolut nicht mehr. Und Bunkermeister Rehhagel will weiter machen. Einfach irre!

Die Niederländer haben bislang am Überzeugendsten gespielt, vor allem, weil sie, erstens, Wesley Sneijder haben und, zweitens, bislang aus fast jeder Chance ein Goal gemacht haben, auch gegen die Franzosen, die ihnen mindestens ebenbürtig, phasenweise, meiner Meinung nach, sogar überlegen waren. Aber die Oranjes schossen die Tore, prachtvolle noch dazu, und man konnte sich nur kurz im Glauben wiegen, die Franzosen könnten noch den Ausgleich erzielen, nämlich eine halbe Minute lang, dann zog Arjen Robben ab. Und damit sind wir beim dritten Vorteil gegenüber anderen Teams: Sie haben die beste Ersatzbank (Van Persie, Vennegoor of Hesselink, Robben etc.).

Nichtsdestotrotz freue ich mich auf ein Wiedersehen mit den Franzosen im Halbfinale. Denn ein zweites Mal schaffen’s die Oranjes nicht, so meine (Wunsch)Prognose.

Here’s the money

Anfang des Jahres wurde der für rund 100 Millionen Euro völlig neugestaltete ÖBB-Bahnhof Wien-Nord / Praterstern eröffnet. Die riesige Glasfassade soll Offenheit und Transparenz signalisieren und, nach der EURO 2008, soll auch noch der Vorplatz mit einem großen Glasdach überzogen werden
Verantwortlich für den Neubau zeichnet, so wie für alle Bahnhofsneugestaltungen (Schlagwort „Bahnhofsoffensive“), die ÖBB-Immobilienmanagement Gesellschaft mbH., eine 100% Tochter der ÖBB-Infrastruktur Bau AG, die selbst wiederum eine 100% Tochter der ÖBB Holding AG ist. Die ÖBB-Holding fungiert seit der mit 1. Jänner 2005 in Kraft getretenen Reorganisation der ÖBB als Leitgesellschaft von insgesamt sieben wirtschaftlich eigenständigen und selbst verantwortlichen Aktiengesellschaften und GmbHs. Dieses Kernprojekt der abgewählten Schwarz-Blauen-Regierung soll „die Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Bahn langfristig sichern„, um die lobenden Worte zu zitieren, die sich zur Umstrukturierung nach wie vor auf der ÖBB-Website finden.

Ein am 15. Mai 2008 veröffentlichter Rechnungshofberichts zur ÖBB-Immobiliengebarung widersprecht dieser Version allerdings aufs Schärfste. Die Prüfer beanstanden mangelnde Transparenz, fehlende öffentliche Ausschreibungen bei Jobvergaben und Liegenschaftsverkäufen sowie bei der Bestellung von Gutachtern und Sachverständigen.
Im Rechnungshofbericht zeigt sich vor allem aber auch, wer die Gewinner der ÖBB-Neu sind: Neben den zig Führungsetagenjobs, die im Zuge dieser Neuorganisation geschaffen und die hauptsächlich mit Ex-Kabinettsmitarbeitern der FPÖ/BZÖ-Infrastrukturminister besetzt wurden, hat, no na, auch die ÖVP wichtige Vorstandsposten mit ihren Leuten besetzt.

Beispielhaft ein Auszug aus dem Rechnungshofbericht, der sich mit der Bestellung und der Bezahlung der Geschäftsführerin der ÖBB-Immobilienmanagment Gesellschaft mbH widmet:

„Die ÖBB–alt schrieben am 24. Juli 2004 die Funktion eines Geschäftsführers der ÖBB–Immobilienmanagement Gesellschaft mbH nach dem Stellenbesetzungsgesetz öffentlich aus. Mit der Evaluierung der Bewerbungsunterlagen wurde ein Personalberatungsunternehmen beauftragt. Über dessen Auswahl und Beauftragung konnten von der für Personalangelegenheiten zuständigen ÖBB–Dienstleistungs Gesellschaft mbH keine Unterlagen vorgelegt werden. Die bis zum Ende der Bewerbungsfrist am 24. August 2004 eingelangten 49 Bewerbungsunterlagen unterzog das Personalberatungsunternehmen einer Vorselektion anhand der im Ausschreibungstext genannten Kernkompetenzen. Es empfahl für einen weiteren Evaluierungsschritt neun Kandidaten, von denen sich letztlich drei für ein Hearing durch das Präsidium des Aufsichtsrates der Österreichische Bundesbahnen–Holding Aktiengesellschaft qualifizierten. Über die Evaluierung von neun Kandidaten lag eine Honorarnote des Personalberatungsunternehmens vom November 2004 in der Höhe von 45.900 EUR (einschließlich USt) vor.
Nach Auskunft der ÖBB–Dienstleistungs Gesellschaft mbH zog der — nach übereinstimmender Meinung des Präsidiums — einzige den Anforderungen der ausgeschriebenen Funktion entsprechende Kandidat seine Bewerbung noch vor seiner Bestellung zum Geschäftsführer der ÖBB–Immobilienmanagement Gesellschaft mbH mündlich zurück. (…) In der Folge beauftragte das Präsidium des Aufsichtsrates der Österreichische Bundesbahnen–Holding Aktiengesellschaft mündlich das bereits im Ausschreibungsverfahren befasste Personalberatungsunternehmen mit der Fortsetzung der Suche nach geeigneten Interessenten für die Funktion des Geschäftsführers. Eine schriftliche Unterlage hinsichtlich der vertraglichen Konditionen sowie seiner Vorgaben lag nicht vor. Das Personalberatungsunternehmen präsentierte die kaufmännische Geschäftsführerin der Immobilienmanagementgesellschaft des Bundes mbH als einzige „topqualifizierte Kandidatin für die Position“. Ihre Gehaltsvorstellung umfasste 230.000 EUR Jahresbruttobezug, einen zusätzlichen Bonus bis zu 50% des Jahresbruttobezuges, eine Pensionskassendotierung (10% des Jahresbruttobezuges) und einen Dienstwagen.“

Die mit Wirkung vom 1. Jänner 2005 zur Geschäftsführerin bestellte ehemalige Mitarbeiterin (eine frühere Kabinettsmitarbeiterin der ehemaligen ÖVP-Umweltministerin Marlies Fleming) wurde vom ÖBB-Chef Huber geholt.
Der Rechnungshof führt in seinem Bericht weiter aus:

„Als Entgelt für ihre gesamte Tätigkeit erhielt die Geschäftsführerin einen Jahresbruttobezug, der ungefähr dem Bezug des Ersten Präsidenten des Nationalrates entsprach. Erhöhungen waren im Ausmaß der Gehaltsentwicklung von in der Gesellschaft beschäftigten Angestellten vorgesehen. Weiters überwies der Arbeitgeber für die Dauer des Anstellungsvertrages einen monatlichen Beitrag in Höhe von 10 % des regelmäßig gebührenden Monatsbruttobezuges (und auch von den Sonderzahlungen) in eine Pensionskasse zum Zwecke einer zusätzlichen Altersversorgung. Außerdem kam die Gesellschaft für die Prämien einer privaten Unfallversicherung im dienstlichen und außerdienstlichen Bereich auf. Darüber hinaus waren die Geschäftsführerin und die mit ihr im gemeinsamen Haushalt lebenden Personen berechtigt, den für Dienstfahrten zur Verfügung gestellten PKW auch für private Zwecke zu benützen. Zusätzlich erhielt die Geschäftsführerin eine Bonifikation von höchstens 50% des Jahresbruttobezuges des letzten Geschäftsjahres in Abhängigkeit des Grades der Erreichung von Zielsetzungen, die mit dem gemäß Gesellschaftsvertrag zuständigen Organ (Generalversammlung/ Aufsichtsrat) jährlich im Vorhinein schriftlich zu vereinbaren waren. Die Geschäftsführerin erfüllte die für das Jahr 2006 vereinbarten Ziele zu 98,1% und erhielt dafür die entsprechende Bonifikation. Die vereinbarten Ziele umfassten so genannte Businessziele (z.B. Budgeterreichung oder –überschreitung des ÖBB–Konzerns) im Umfang von 45% des Gesamtziels. Weitere Ziele zum Teilausmaß von 10% stellten Themen des Personalmanagements (z.B. Urlaubsabbau und individuell mit Mitarbeitern vereinbarte Ziele) dar. Die restlichen mit 45% bewerteten Teilziele betrafen vor allem konkrete Projekte und unternehmensinterne Vorhaben. Darüber hinaus erhielt die Geschäftsführerin einen zusätzlichen Sonderbonus von 20% des Bruttojahresbezuges des Geschäftsjahres 2006 „aufgrund der über die vereinbarten Ziele hinaus erbrachten Leistungen“. Damit lag das Jahreseinkommen der Geschäftsführerin um 52% über dem Jahresbruttobezug des Bundeskanzlers. Es lag aber auch deutlich über den durchschnittlichen Einkommen der Vorstandsmitglieder der Muttergesellschaft, der ÖBB–Infrastruktur Bau Aktiengesellschaft, denen die maßgeblichen Entscheidungen der Geschäftsführerin zur Genehmigung vorzulegen waren.“

Mit andern Worten:
Die Geschäftsführerin, die mit 1. Juli 2008 zur Geschäftsführung der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien stoßen wird, kam auf einen jährlichen Bruttoverdienst von 414.000 Euro + 41.400 Euro private Pensionsvorsorge + Auto samt Chauffeur für dienstliche Fahrten und für die private Nutzung. Das vorzeitige Ausscheiden wird mit Sicherheit in Form einer Abfertigung versüßt werden.
Was wird sich ändern? Die Dame wird wohl durch eine der SPÖ nahestehende Person ersetzt werden – die Konditionen werden wohl die gleichen bleiben.

Slow train coming

In einem in mehreren deutschen Tageszeitungen kürzlich veröffentlichten Offenen Brief an die deutsche Bundeskanzlerin fordern deutsche Musiker, Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller und Verleger staatliche Interventionen, um „gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln“.

Dahinter verbirgt sich nichts anderes, als die Forderung nach gesetzlichen Maßnahmen gegen Tauschbörsen-Nutzer wie es sie etwa in den USA und Australien gibt und ab Anfang 2009 auch in Frankreich geben soll: Internet-Provider sind verpflichtet, Nutzern von Tauschbörsen, denen Verstöße gegen das Copyright-Regime nachgewiesen werden können, den Netzzugang zu kappen.

Dazu passt auch, dass die Europäische Kommission mit US-Behörden ein neues Abkommen verhandelt (Anti-Counterfeiting Trade Agreement – ACTA), das sich nicht nur gegen Produkt- und Markenpiraterie richtet, sondern auch die so genannte Internet-Piraterie einschließt und auf einem der nächsten G8-Gipfel bis Jahresende verabschiedet werden soll. Sollte ACTA beschlossen werden, könnten Behörden verdachtsunabhängig und routinemäßig Laptops, MP3-Player oder Handys auf Downloads durchsuchen, weil dann der Upload / Download von Copyright geschützten Filmen oder Songs kein einfaches Vergehen mehr wäre, sondern ein strafrechtlicher Tatbestand. (vgl. dazu den Artikel von Erich Möchel auf der ORF-Futurezone)

Wiewohl der CD-Verkauf weltweit nach wie vor rund 80% der Umsätze der Musikwirtschaft ausmacht, lösen in manchen Ländern die digitalen Geschäftsmodelle die analogen bereits ab: So werden in Japan mehr Einnahmen aus dem Verkauf von Song- und Alben-Downloads und Klingeltönen lukriert als aus dem CD-Verkauf. Ein kurioses Detail am Rande: 56% aller in Italien im Online-Bereich erzielten Umsätze entfallen auf den Download von Handy-Klingeltönen. Auch der Digital Music Report 2008, der vom weltweiten Verband der Musikwirtschaft (IFPI) herausgegeben wird, feiert die Zuwächse im Online Geschäft euphorisch: „In the US, only five years after the commercial music download business first emerged, 30 per cent of all recorded music sold is online or mobile.” Und weltweit existieren etwa 500 Online-Musikshops; selbst in Österreich kann Musik von 12 Anbietern (z.B. iTunes, AonMusicDownload, Libro, eMusic, MSN Music, Soulseduction) bezogen wrden. Tendenz: stark steigend.

Was im IFPI-Report aber vor allem auffällt, ist der Frontalangriff gegen die Peer-To-Peer-Technologie als solche, die, wie der Report süffisant vermerkt, nur von rund 20% aller Internet-User genutzt werde, aber 80% des gesamten weltweiten Internet-Traffics verursache.

„P2P usage is having a significant impact on internet traffic. P2P networks are producing more internet traffic than all other applications combined and this could impact ISP (Internet Service Providers) infrastructures, damaging consumers’ internet experience.“

Die Argumentation richtet sich an die Internet Service Provider, die im Grunde kein Geschäftsinteresse an der Kriminalisierung der Kunden ihrer Breitbandnetze haben können. Vor dem Hintergrund der so genannten Next Generation Networks, die gegenwärtig aufgebaut und den Infrastrukturbetreibern die technische Möglichkeit einräumen werden, den Internet-Traffic dem Inhalt nach zu steuern (= Expressbeförderung für Google oder eBay, Regionalzüge für private Blogs), wird das Kalkül der Argumentation der Musik- und Filmindustrie verständlich: Wenn die Provider die Tauschbörsen-Nutzung nicht gänzlich unterbinden wollen, dann sollen sie wenigstens den Traffic drosseln.

Aus ökonomischem Interesse werden die Provider dieser Forderung ohnehin nachkommen: Damit von Google oder anderen großen Playern für die Expresszustellung auch ordentlich kassiert werden kann, muss man diesen freie ( = bereinigte) Leitungen anbieten können: File-Sharer sind somit aus ökonomischen Gründen ein Störfaktor, die auf Nebengeleise umgeleitet werden, damit der Google-Express ungestört durchzischen kann.

Stop making sense

Endlich ein Kommentar zu den Verbrechen der letzten Wochen, die sich in Österreich zugetragen haben, der sich gänzlich der Suche nach Erklärungen verweigert. Er stammt vom deutschen Krimikritiker Thomas Wörtche und er endet mit folgenden klugen Sätzen:

Darüber hinaus kann es keinen Sinn und keine sinnvolle Exegese kontingenter Extremereignisse geben. Österreich oder die Schweiz, Deutschland oder die USA – Gewalt und Verbrechen sind nun einmal ubiquitär, treten überall auf, ihre Manifestationen und ihre Mittel sind die, die gerade zur Hand sind. Schusswaffen in den USA, Keller in netten Kleinstädten, Tiefkühltruhen in Haushalten. Und mehr lässt sich nicht sagen, denn ansonsten stört schon wieder der nächste Axtmörder.

Das Verbrechen von Amstetten eignet sich für nichts: Weder zur Beschwörung nationalistischer Schulterschlussaktionen („Wir werden das Ansehen unseres Landes verteidigen! … Wir werden nicht zulassen, dass irgendjemand glaubt, unserer Jugend eine neue Erbsünde andichten zu können!“ O-Ton Kanzler Gusenbauer bei der 1. Mai-Feier der SPÖ am Wiener Rathaus) noch für verkürzte Erklärungen, wonach sich darin das Nachleben des Nationalsozialismus zeige.

Man kann nur, ganz pragmatisch, dafür eintreten, dass den Opfern ein halbwegs erträgliches Dasein danach ermöglicht wird: In einem anderen Land mit anderer Identität – und ohne Medien.

Fernsehen als Energieaustausch

Bekanntlich wird die Rundfunkübertragung in Österreich gegenwärtig digitalisiert. Da die meisten Haushalte, die Rundfunkprogramme bisher ausschließlich über Hausantenne empfangen konnten, und damit im Prinzip nur ORF1 und ORF2, in ihrer großen Mehrheit gleich auf einen digitalen Satellitenempfänger umstiegen und nicht auf digitalen Antennenempfang, können mittlerweile über 92% aller österreichischen Haushalte entweder rund 40 Programme, via Kabel, oder, sofern sie über eine Satellitenschüssel verfügen, 100 Programme und mehr empfangen. Nur als Vergleichszahl: Seit Beginn der Umstellung auf digitale Rundfunkübertragung stieg die Zahl der Haushalte mit digitalen Satellitenempfang von 26% auf 38% – übrigens ein wesentlicher Grund dafür, dass der ORF an Reichweiten und Marktanteilen verloren hat (von 49% im Jahr 2006 auf rund 43% Anfang 2008).

Angesichts dieser Empfangssituation bekommen also über 90% aller Haushalte nicht nur die bekannten frei empfangbaren Programme der öffentlich-rechtlichen und der privaten Rundfunkveranstalter sondern überdies zig weitere Spartenkanäle, Pay-TV-Angebote (verschlüsselt ausgestrahlt, gegen Zusatzgebühr sehbar) und Teleshopping-Kanäle.

Ein besonders bizarres Programm gestaltet der Fernsehkanal TELEMEDIAL, der auf Basis einer österreichischen Satellitenlizenz aus dem deutschen Ludwigsburg ein „Esoterik-Programm“ („Wir sind der erste spirituelle Sender Europas“) von 21.00 Uhr bis 06.00 Uhr auf dem Programmplatz abstrahlt, der bis 21.00 Uhr dem Kinderkanal KiKa vorbehalten ist. TELEMEDIAL, überdies in Kabelnetze eingespeist und auch im Internet präsent, wird vom TV-Geschäftsmann Thomas Hornauer betreiben, der die Möglichkeiten des kommerziellen Fernsehens seit Jahren bestens ausschöpft, vor allem, weil er offenbar genug Freaks findet, die bereit sind, die durch das Zusehen gewonnene Energie auszugleichen – in Form der Anwahl von eingeblendeten Telefonnummern, wobei ein Anruf 10 Euro pro Minute kostet bzw. durch Geldtransaktionen auf eingeblendete Kontonummern. Telefonische „Lebensberatung“ und diverse „Gesundheitstipps“ dargeboten von Kartenlegern, Astrologen und anderen Spinnern kosten eben.

Der vife Hornauer bekommt jetzt aber Probleme mit der für die Programmaufsicht zuständigen Kommunikationsbehörde Austria (KommAustria), die dem Sender vor Kurzem eine „Rüge“ erteilt hat. Anlass war eine Sendung aus dem Jahr 2007, in der ein gewisser Walter von Berg den Eindruck erweckt haben soll, dass eine telefonische Beratung und Behandlung mithilfe von „Engelenergien“ eine ärztliche Behandlung ersetzen könne. Die KommAustria sieht darin „Verhaltensweisen gefördert, die die Gesundheit gefährden“.

Als Reaktion auf die negative Berichterstattung über das Programm des Senders hat UPC-Telekabel Wien vor Kurzem TELEMEDIAL aus seinem Programm-Bouquet genommen. Wer wissen möchte, wie irre Hornauer und sein Buben und Mädeln sind, der schaue sich Sendungsausschnitte an, die auf Youtube zu finden sind. Hier exemplarisch der folgende Sendemitschnitt, aber: Vorsicht, anschnallen, damit man nicht vor Lachen aus dem Sessel kippt:

None of us are free

Solomon Burke predigt am 11. Juli 2008 im Arkadenhof des Wiener Rathauses:

Well you better listen my sister’s and brothers,
‚cause if you do you can hear
there are voices still calling across the years.
And they’re all crying across the ocean,
and they’re cryin across the land,
and they will till we all come to understand.

None of us are free.
None of us are free.
None of us are free, one of us are chained.
None of us are free.

And there are people still in darkness,
and they just can’t see the light.
If you don’t say it’s wrong then that says it right.
We got try to feel for each other,
let our brother’s know that we care.
Got to get the message, send it out loud and clear.

None of us are free.
None of us are free.
None of us are free, one of us are chained.
None of us are free.

It’s a simple truth we all need, just to hear and to see.
None of us are free, one of us is chained.
None of us are free.
now I swear your salvation isn’t too hard too find,
None of us can find it on our own.
We’ve got to join together in sprirt, heart and mind.
So that every soul who’s suffering will know they’re not alone.

None of us are free.
None of us are free.
None of us are free, one of us are chained.
None of us are free.

If you just look around you,
your gonna see what I say.
Cause the world is getting smaller each passing day.
Now it’s time to start making changes,
and it’s time for us all to realize,
that the truth is shining real bright right before our eyes.

None of us are free.
None of us are free.
None of us are free, one of us are chained.
None of us are free.

Claus Gatterer

Alljährlich vergibt der Österreichische Journalisten Club, die größte Journalistenorganisation Österreichs, den Claus-Gatterer-Preis an sozial engagierten Journalismus. Der mit 5000 Euro dotierte Preis erinnert an einen Journalisten, der in den 1960-er und frühen 1970-er Jahren zunächst als Printjournalist bei den „Tiroler Nachrichten“ und den „Salzburger Nachrichten„, danach im „Forum“ und im „Express“ tätig war, ehe er im Jahre 1972 zum ORF kam, wo er von 1974 bis zu seinem Tod im Jahre 1984 die Leitung des Fernsehmagazins „teleobjektiv“ innehatte.

Warum Claus Gatterer für dieses Land so wichtig war, zeigen zwei Artikel (der erste beschäftigt sich mit dem Fall Borodajkewycz, der zweite mit dem skandalösen Freispruch des Naziverbrechers Franz Nowak) die 1966 nicht in österreichischen Zeitungen, sondern in der renommierten „Zeit“ in Hamburg erschienen sind, und die ich im Zeit-Archiv entdeckt habe. Übrigens: In diesem Online-Archiv sind sämtliche seit 1946 in der „Zeit“ erschienene Artikel kostenfrei zugänglich!

DIE ZEIT, 27.05.1966 Nr. 22
Der Wiener Professorensturz – Das Ende der Affäre Borodajkewycz
Wien, Ende Mai

In einem lakonischen Vier-Zeilen-Kommunique teilte der Disziplinarsenat der Wiener Hochschule für Welthandel am vergangenen Wochenende mit, daß der zweiundsechzigjährige Historiker Professor Taras von Borodajkewycz strafweise in den dauernden Ruhestand versetzt worden ist. Keine Begründung, kein Kommentar. Das Ende der Affäre, die Österreich seit dem März 1965 bewegt, war in der Eindeutigkeit der Entscheidung ganz und gar unösterreichisch.
Das Kapitel Borodajkewycz ist wohl das betrüblichste in der Geschichte der Zweiten Republik. Der Historiker lehrte die Hörer, daß die österreichische Verfassung eine „Schöpfung des Juden Kelsen, der früher Kohn hieß“, sei und die Weimarer Verfassung ein Werk des „Juden Hugo Preuss“; vieles an Karl Marx, sagte er, sei nur verständlich, wenn man um dessen Herkunft aus dem Rabbinertum wisse. Rosa Luxemburg bezeichnete er als „jüdische Suffragette“.
Die „österreichische Nation“ kann für Borodajkewycz „nur zwischen Unkraut gedeihen“; das Jahr 1945 hat nach diesem Historiker „den bisherigen Kodex der Menschheit umgestülpt und Feigheit, Fahnenflucht, Verrat als die wahren Tugenden des österreichischen Mannes gepriesen“. Auch die österreichische Eigenstaatlichkeit ist für den großdeutschen Professor aus der Ukraine, der 1934 schon, obwohl Katholik, illegaler Nazi war und als Staatsarchivar „im Hause des Bundeskanzler selbst ein sicheres illegales Depot“ für die Nazibewegung errichtet hatte, zumindest problematisch. „Es ist nur ein. Teil der gesamtdeutschen Katastrophe“, schrieb er im Bonner „Parlament“, „daß wir deutschen Österreicher zum zweiten Male innerhalb einer Generation das größere Vaterland verloren haben“ — jenes Vaterland, in welchem „der glanzvollste Redner des zwanzigsten Jahrhunderts, der Redner par excellence“, Adolf Hitler, regierte.
Nicht gegen Borodajkewycz, sondern gegen das, was er lehrte, gingen am 31. März 1965 ehemalige Widerstandskämpfer, Studenten, „österreichische Österreicher“ aller Art in Wien auf die Straße; die Freunde des Historikers veranstalteten eine Gegendemonstration — angeblich um die Hochschulautonomie zu verteidigen. Bei einem Zusammenstoß wurde ein alter Mann — der Kommunist Ernst Kirchweger — niedergeschlagen und getötet; der Schläger war ein wegen rechtsextremistischer Betätigung schon vorbestrafter Student, Anhänger des „Ringes Freiheitlicher Studenten“ (RFS), jener Corps und Burschenschaften, die gerade an der Hochschule, an der Borodajkewycz lehrte, eine ihrer Hochburgen haben. Ein Zufall? Ein Zufall, daß aus den Reihen des RFS der Propagandist des Südtirolterrors, Norbert Burger, und viele der Freiwilligen seiner „Kinderkreuzzüge gegen Italien“ kommen? Das Üble am Fall Borodajkewycz war, daß die Geister, die er freigesetzt hat, weiter wirkten und weiter wirken.
„Ein Symptom wäre bereinigt. Wer wagt sich an die Ursachen?“ fragte die katholische Wiener „Furche“. Einen Tag nach der Zwangsbeurlaubung des Historikers sandte NBC in Amerika einen Dokumentarfilm über antisemitische Strömungen in Österreich. Borodajkewycz kam in der Sendung auch selber zu Wort: er sei, sagte er, an antisemitischen Regungen völlig schuldlos; er werde nur verfolgt, weil er sich als Deutscher fühle und weil er offen bekenne, Nazi gewesen zu sein. Hatten die meisten Österreicher den Spruch des Disziplinarsenats gegen den Historiker ungerührt gelassen zur Kenntnis genommen, die Tatsache, daß die Amerikaner nach antisemitischen Regungen in Österreich zu forschen wagten, regte nun sehr viele sehr heftig auf.
Die „Neue Front“, das Zentralorgan der Freiheitlichen, meinte, die „notorischen Neonazigespensterseher“ hätten den „Hetzfilm über Österreich“ nur wegen der exorbitant hohen amerikanischen Honorare „zusammengebraut“. Der sozialistische „Expreß“ und das ÖVP-Zentralorgan „Volksblatt“ hielten den Amerikanern in seltener Einmütigkeit die Rassisten im eigenen Haus („gummikauende, Hamburger essende Ku-Klux-Klan-Leute“) und den strammen österreichischen Antikommunismus vor. An diesem Film „An Austrian Affair“ reagierte man also ab, was sich an dem endlich bereinigten Fall Borodajkewycz schicklicherweise nicht abreagieren ließ. Auch dies ein Symptom? Wahrhaftig: „Wer wagt sich an die Ursachen?“

DIE ZEIT, 14.10.1966 Nr. 42
Wien, im Oktober

Heimat bist du großer Söhne?“ Diese Verszeile aus der österreichischen Nationalhymne wurde, groß auf ein Transparent gemalt, einem Zug von Studenten vorangetragen, die gegen den Freispruch des „Fahrdienstleiters des Todes“, Franz Novak, durch ein Wiener Geschworenengericht demonstrierten.
Novak, 1913 geboren, seit 1929 in der HJ, 1934 am NS-Putsch in Österreich beteiligt, mit Adolf Eichmann zur „Endlösung der Judenfrage“ in Wien, Prag und Budapest eingesetzt und für die Organisation der Massentransporte in die Vernichtungslager mit einer steilen SS- Karriere belohnt — dieser Franz Novak lebte gutbürgerlich als Druckereileiter in Wien und erhielt sogar die österreichische Staatsbürgerschaft wieder. Bis 1960 als „Abfallprodukt“ des Eichmann-Verfahrens sein Steckbrief nach Wien gelangte.
Im ersten Prozeß wurde er 1964 wegen „öffentlicher Gewalttätigkeit“ zu acht Jahren verurteilt; der Oberste Gerichtshof aber hob den Spruch wegen eines formalen Fehlers auf. Im zweiten Prozeß wurde die direkte Mitschuld Novaks an den Massenvernichtungen noch klarer nachgewiesen. Das Ergebnis: Die Geschworenen erkannten ihn mit 7 zu 1 Stimmen der „öffentlichen Gewalttätigkeit“ schuldig; billigten ihm aber „unwiderstehlichen Zwang“ — Befehlsnotstand — zu. Novak verließ den Gerichtssaal als freier Mann.
Novak hatte keinen Befehlsnotstand geltend gemacht, aber die Geschworenen in ihrem „gesunden Volksempfinden“ billigten ihm diesen zu. Das erschien ihnen offenbar ganz selbstverständlich. Und wie sollte es denn auch anders sein, wenn die Staatsanwaltschaft Beihilfe zum millionenfachen Massenmord zur „öffentlichen Gewalttätigkeit“ bagatellisiert? Wenn seit spätestens 1949 allen ehemaligen Nazigrößen gemäß Österreichs offizieller Formel, das „erste Opfer des Nationalsozialismus“ gewesen zu sein, Generalabsolution erteilt wird? Wenn Minister den grassierenden Antisemitismus wider besseres Wissen leugnen und manche Parteien ihn sogar ungeniert im Wahlkampf benützen? Wie sollte es anders sein, wenn den durch Bluturteile belasteten Dienern der Justiz nicht nahegelegt wird, freiwillig in Pension zu gehen? Wenn Hitlers Krieg noch heute als ein „antibolschewistisches“ Unternehmen (mit einigen bedauerlichen Exzessen) definiert wird?
Nicht für Novak gilt der Notstand. Er gilt für die österreichischen Geschworenen. In sechzehn Kriegsverbrecher-Prozessen seit 1960 gab es acht Freisprüche, und der für die Deportierung von rund 100 000 holländischen Juden verantwortliche Rajakowitsch kam, wegen „öffentlicher Gewalttätigkeit“ verurteilt, mit 30 Monaten Kerker davon.
Auf einen „Fortschritt“ muß indessen hingewiesen werden: In Wien wurde zu Novaks Freispruch nicht schon im Gerichtssaal applaudiert, wie sonst üblich ist.

Lebensläufe

Die Ortschaft Golzow (rund 1000 Einwohner) liegt im Landkreis Märkisch-Oderland im deutschen Bundesland Brandenburg, unweit der polnischen Grenze. Der amtlichen Website ist zu entnehmen, dass der Ort im Jahre 1252 erstmals urkundlich erwähnt wurde und im Laufe der Jahrhunderte wiederholt Überschwemmungen ausgesetzt war. Aber auch absolut Ungewöhliches für ein kleines ostdeutsches Kaff (1986 bekommen „die Golzower eine Sparkasse“) findet sich auf dieser Website: 1978 haben Yasser Arafat und 1984 Kim Il Sung, der „Generalsekretär des ZK der PdAK und Präsident der KDVR“ (sic!!), also der Stalin Nord-Koreas, den Ort besucht, und 1984 hat Willi Stoph, „Mitglied des Politbüros des ZK der SED und Vorsitzender des Ministerrates der DDR“, der Gemeinde auch den „Karl Marx Orden“ verliehen.

Warum die Staatsführung der DDR und ihr Freundeskreis den Golzowern solche Aufmerksamkeit angedeihen ließen, geht auf das Jahr 1961 zurück. Die SED-Führung hat unmittelbar nach dem Mauerbau die Deutsche Film AG (DEFA) mit einem Dokumentarfilmprojekt beauftragt, das als Lebensläufe – Die Kinder von Golzow bekannt geworden ist und im Jahre 1985 sogar in das Guiness Buch der Rekorde Eingang fand, als „längste Langzeit-Dokumentation des internationalen Kinos“.

Anfang April 2008 kam der letzte von insgesamt 20 Filmen in die deutschen Kinos. Vom ersten Schultag im Jahre 1961 bis zum Jahr 2007 wurde eine ganze Schulklasse (18 Schülerinnen und Schüler) wiederholt mit der Kamera begleitet, sodass über die Jahrzehnte eine einzigartige Chronik des Alltags der DDR und der Zeit nach der Wende entstanden ist.

Die Filme laufen immer wieder in den dritten Programmen des deutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, und sie sind auch alle auf DVD erhältlich.

Weitere Infos dazu auf der Offziellen Website der Kinder von Golzow.

Gretchenfrage

MARGARETE.
Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub‘, du hältst nicht viel davon.
FAUST.
Laß das, mein Kind! Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ‘ ich Leib und Blut,
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.
MARGARETE.
Das ist nicht recht, man muß dran glauben!
FAUST. Muß man?

(Faust I, Marthens Garten)

Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ lässt Johann Wolfgang von Goethe das 14-jährige Gretchen den Dr. Faust fragen, und der antwortet ihr ausweichend, will er doch nicht über Religion sprechen mit dem Mädchen sondern ins Bett gehen mit ihr. Zugleich weist Fausts Umgang mit der Gretchenfrage jenen Weg, den die Aufklärung im Gefolge von Immanuel Kant seither immer beschritten hat. Nicht die Frage nach dem Glauben des Einzelnen stand im Mittelpunkt, sondern der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion(en) galt das Interesse.

Folgerichtig erkannte Ludwig Feuerbach die Religion als Projektion der unerfüllten Sehnsüchte des Menschen, und diesen Gedanken aufgreifend, formulierte Karl Marx:

„Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“

Wenn sich aber in der Religion nicht das Wirkliche sondern das Abwesende manifestiert, das, was an Wärme in der kalten Wirklichkeit fehlt, und wenn gerade diese Wunschproduktion den Mehrwert der Religion ausmacht, dann müssen die Menschen nicht zur Religion verführt werden, sondern dann ist Religion ihr notwendiges, den Mangel ausgleichendes Bewusstsein.

Auch Sigmund Freud steht in dieser Tradition der Religionskritik. In seiner Schrift Die Zukunft einer Illusion aus dem Jahre 1927 erkennt er in den religiösen Vorstellungen „nicht Niederschläge der Erfahrung oder Endresultate des Denkens“, sondern „Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke dieser Wünsche„, und dann hält er fest:

„Religionen sind sämtlich Illusionen, unbeweisbar, niemand darf gezwungen werden, sie für wahr zu halten, an sie zu glauben. Einige von ihnen sind so unwahrscheinlich, so sehr im Widerspruch zu allem, was wir mühselig über die Realität der Welt erfahren haben, dass man sie – mit entsprechender Berücksichtigung der psychologischen Unterschiede – den Wahnideen vergleichen kann. Über den Realitätswert der meisten von ihnen kann man nicht urteilen. So wie sie unbeweisbar sind, sind sie auch unwiderlegbar.“

Damit wäre eigentlich alles zur Gretchenfrage gesagt (vgl. ausführlich dazu: Vortrag von Konrad Paul Liessmann im Rahmen des Philosophicums in Lech 2007).
Dass sie dennoch wieder Hochkonjunktur erfährt, dass es kaum mehr ein Gespräch innerhalb des Freundes- oder Bekanntenkreises gibt, im Zuge dessen nicht irgendwann Themen wie Religiosität oder Esoterik gestreift werden, wobei der schon als entsorgt gedachte Bekenntniszwang sich wieder breit macht, noch dazu im vor-modernen Gewand, indem nicht der „Religiöse“ für seinen „Glauben“ sondern der „Nichtreligiöse“ für seinen „Nicht-Glauben“ zur Rede gestellt wird, und dass, korrespondierend mit diesem anti-aufklärerischem Diskurs, immer öfter gesellschaftspolitische Problem- und Fragestellungen in einem therapeutischen Jargon der Innerlichkeit abgehandelt werden, ist nicht nur nervtötend, sondern allmählich auch Ausdruck einer „Re-Theologisierung“ nicht nur des Politischen, sondern des Sozialen insgesamt.

Mit dem Ende der Geschichte (Francis Fukuyama), verstanden als Ende der Trost- und Sinnstiftungsfunktion von Geschichte nach 1989, begann sich die dadurch entstandene Lücke mit traditionellen Religionen, importierten Sinnwaren aus Ostasien und den Produkten der „psychogenen Wellnessindustrie“ (Konrad Paul Liessmann) wieder zu füllen.
Auffällig ist, dass in der Regel all jene auf Sinnsuche sich begeben, die den Verlust der Trost- und Sinnstiftungsfunktion von Geschichte nicht überwunden haben. Viele unten den ehemaligen postreligiösen Revolutionären der bürgerlichen Mittelschichten, die nach 1968 in der Neuen Linken und in den diversen K-Gruppen, später in der Öko- und Friedensbewegung und in Bürgerinitiativen ihr Engagement bekundeten, und dies immer im Bewusstsein taten, die gesamte Menschheit zu retten, und die heute realpolitisch bei den Grünen kuscheln, waren im Grunde immer mutlos, sich ihres eigenen Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Und da die raison d’être der liberalen Gesellschaft, wie Rudolf Burger so präzise geschrieben hat, gerade darin besteht, „dass einem niemand sagt, was richtig und gut ist, und dass einem niemand vorschreibt, wie man sein Leben zu führen hat, solange man seinen Nächsten nicht schädigt“, dann lässt sich die Sehnsucht nach metaphysischen Dächern der ohne Halt zurückgelassenen vielleicht erklären.

Freilich, gegen esoterische und/oder religiöse Begriffswelten a la „weibliche Kraftfelder“, „spiritualistische Baumkräfte“ oder „Keltisches Urwissen“, gegen dieses Gebräu aus Irrationalismus, Weltverschwörung und Paranoia (völlig klar, dass an allem Bush und die Amerikaner schuld sind), kann man mit Argumenten nicht ankommen – und soll es auch gar nicht, es wäre reine Zeitverschwendung. Man soll sich nur nicht anstecken lassen, auch wenn man mit Theodor W. Adorno weiß, dass es eine „fast unlösbare Aufgabe ist, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen“.

Man muss die Ambivalenzen der Moderne, den ökonomischen Druck auf allen Ebenen und Ereignisse wie 9/11 aushalten ohne sich in Heilsversprechungen und Erlösungsphantasien zu stürzen, die doch nichts anderes sind als Selbstentmündigungen. Und im Großen und Ganzen gelingt uns das ja auch, oder?

Mein Gegenprogramm:
Um die Zumutungen und Ambivalenzen, die der Anderen und die eigenen, zu ertragen, bedarf es selbstverständlich individueller Entschleunigungsstrategien, zum Beispiel mit Freunden sudern und Bier trinken.
Also, sich verlieren – zumindest zeitweilig, und nicht etwas suchen, wo nichts zu finden ist! Und ab und zu sich daran erinnern, was Immanuel Kant im Jahre 1784, also fünf Jahre vor dem Sturm auf die Bastille, im fernen Städtchen Königsberg, aus dem er zeitlebens nie hinauskam, in seiner Schrift „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ geschrieben hat:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“