Google oder wie die Suchmaschine mit uns Geld verdient

Es gibt Tage, die historische Einschnitte markieren, bisweilen sogar Epochenwenden einläuten, unabhängig davon, ob sie sich später in Geschichtsbüchern wider finden oder nicht. Der 7. September 1998 muss wohl als ein solcher gesehen werden, weil an diesem Tag die beiden Stanford-Studenten Larry Page und Sergey Brin ihre Testversion der Suchmaschine Google online gestellt haben. Im Verlauf von nicht einmal zehn Jahren sind nicht nur die Konten der Beiden und der Google-Aktionäre explosionsartig in die Höhe geschossen, sondern es hat sich eine neue Ökonomie etabliert, die erst durch die Suchmaschine und deren Funktionsweise ermöglicht wurde, und die in Google selbst einen ihrer größten Profiteure kennt.

Wie dieses Geschäftsmodell, das mittlerweile von vielen im Netz agierenden Unternehmen mehr oder weniger kopiert wird, im Detail funktioniert, beschreibt der Technologie-Journalist Nicholas G. Carr in einem höchst informativer Artikel in „Strategie + Business“, auf den ich im Perlentaucher aufmerksam gemacht wurde. Obzwar Carr gleich eingangs festhält, dass das Neue an Google gar nicht so neu sei, werde doch überwiegend durch Verkauf und Platzierung von Werbung Geld verdient, lohnt es die bahnbrechende Innovation der Google-Gründer näher zu betrachten, weil sie eine wichtige Voraussetzung bildet für das, was sich im Netz tummelt – für die großen Verkaufsportale wie Amazon oder eBay ebenso, wie für viele Web 2.0 Anwendungen.
Diese Innovation, so schreibt Carr, ist eine dreifache gewesen. Erstens haben die Google-Gründer die Struktur des Internets, den Hypertext, zum zentralen Kriterium ihrer Suchabfrage gemacht. Herkömmliche Suchmaschinen haben das Web nach Suchwörtern abgegrast. Googles’ Maschinen hingegen durchforsten das Web nach Links, wobei das Ergebnis der Suche, das Ranking, von der Anzahl der Linkverweise auf eine bestimmte Website maßgeblich bestimmt wird.
Die zweite Neuerung bestand darin, dass Google intelligente, eigens fürs Web konzipierte Werbeformen anbot (Adsense/Adwords), mit denen nicht nur Google Geld verdient, sondern – das nötige Know-How vorausgesetzt – potentiell jeder Nutzer. Dieser Aspekt wird in den gängigen Beschreibungen über die Funktionsweise von Google übergangen, da sie sich zumeist auf, no na, nicht zu unterschätzende Gefahren, die mit dem de facto Monopol verbunden sind, beschränken. Somit werden aber auch die Möglichkeiten übersehen, mit Google Geld zu verdienen, auch für den „kleinen“ Blogger. Die dritte Innovation betrifft die Geschwindigkeit, mit dem die Suchergebnisse ausgeworfen werden – ermöglicht durch ein über die ganze Welt verstreutes, tausende Hochleistungsrechner umfassendes Server- und Datennetz.

Was ich besonders beachtenswert finde, ist die Tatsache, dass bei jeder Suchabfrage, Daten generiert werden. Nun sind Daten bereits heute ein wichtiges Produktionsmittel. In Zukunft werden sie vielleicht sogar das Wichtigste sein. Es überrascht denn auch nicht, wenn Eric Schmidt, CEO von Google, in einem Interview mit der Financial Times davon spricht, dass man in noch größerem Umfang Nutzerdaten generieren wird, als bisher, um dem Einzelnen sagen zu können, welcher Job für ihn passend sei oder wie er seine Freizeit am Sinnvollsten verbringen könnte.

Das wahre Geheimnis des Erfolges von Google, aber auch von Unternehmen wie Amazon, besteht darin, dass sie „die kollektive Intelligenz der Nutzer für sich arbeiten lassen„, wie das der im Silicon Valley ansässige Trendforscher Tim O’Reilly, der Erfinder des Begriffs Web 2.0, in einem Zeit-Interview auf den Punkt gebracht hat – und ohne dass die Nutzer das auch merken, müsste man hinzufügen.

Gemäß dem Diktum von Brecht, wonach es gelte, sich ans schlechte Neue zu halten und nicht ans gute Alte, werde ich mich nun eingehender mit jenen Strategien beschäftigen, die ich brauche, damit nicht nur Google mit mir, sondern auch ich mit Google, Geld verdienen kann.

Bücherbörse

In Wien findet seit etlichen Jahren, in Abständen von drei bis vier Monaten, eine Bücherbörse statt, also kein Flohmarkt für Bücher, sondern der größte Markt für gebrauchte und antiquarische Bücher in Österreich. Leser und Sammler von Büchern können gegen eine Eintrittsgebühr von 3 Euro in einem zigtausende Bücher umfassenden Angebot stöbern, das von antiquarischen Kostbarkeiten bis zu billigen Taschenbüchern reicht, und von professionellen Händlern, aber auch von privaten Anbietern bereit gestellt wird. Da ich mich beim ersten Besuch einer Bücherbörse in eine Liste eingetragen habe, bekomme ich immer rechtzeitig einen Flyer mit Infos zur jeweils nächsten Veranstaltung. Über die Jahre bin ich somit zu einem Stammgast der Bücherbörsen geworden. Als Veranstaltungsort fungierte immer ein mittelgroßer Saal der Wiener Stadthalle oder des Austria Centers.

Seit längerer Zeit fand sich kein derartiger Flyer mehr in meinem Briefkasten, was ich mir aber mit dem in letzter Zeit auffallend schlechter gewordenen Zustellservice der Österreichischen Post erklärte. Ich war daher auch nicht sonderlich überrascht, am Praterstern ein Plakat zu sehen, das die nächste Bücherbörse für den 13. Jänner ankündigte. Der Ort hat mich allerdings verwundert: Arcotel Wimberger stand da zu lesen, ein altes und in den 1990-er Jahren modernisiertes Hotel am Neubaugürtel.

Der Ort ist Programm, dachte ich mir, als ich durch die Drehtür in die Hotellobby eintrat. Keine Portiere, wie in der Stadthalle, an denen man acht- und grußlos vorbeiging, aus Erfahrung wissend, dass ein „Guten Tag“ unerwidert bleibt, sondern servicegeschultes Hotelpersonal, das mich als Gast freundlich willkommen heißt, ein gegenseitiges Einverständnis voraussetzend, dass hier nichts kostenlos zu haben ist. Ich zahlte die 3 Euro Eintrittsgebühr und machte mich auf zu einem ersten Rundgang. Als ich den fensterlosen und nur spärlich ausgeleuchteten Saal betrat, fiel mir sofort auf, dass nicht nur wesentlich weniger Tische vorhanden waren, als bei früheren Bücherbörsen, sondern dass auch nicht so viele am Angebot Interessierte gekommen waren. Trotzdem war an ein lustvolles Stöbern und Schmöckern nicht zu denken, weil die Tische viel zu eng platziert waren. Aber, ich befand mich ja in einem Hotel, und in der Hotelbar gab’s eine wirklich gute Melange und eine frische Zimtschnecke. Nach einer halben Stunde Auszeit im weichen Fauteuil kehrte ich zu den Büchern zurück. Da sich mittlerweile noch weniger Leute als vorher im Raum befanden, konnte ich mir, ohne geschoben oder gerempelt zu werden, rasch einen Überblick über das Angebot verschaffen. Ich erwarb „Jedermann“ von Philipp Roth, eine 2007 erschienene Biographie über William Shakespeare und einen Nesser-Krimi – allesamt im Hardcover, fast wie neu und zusammen für 15 Euro. Leserherz was willst du mehr, könnte man sagen.

Dennoch fällt die Bilanz ambivalent aus: Ob es sich für die Organisatoren wirklich gelohnt hat, ins Viersternehotel upzugraden oder ob sich derartige Veranstaltungen nicht bereits überholt haben, weil sich mit Amazon und eBay neue und vergleichsweise konkurrenzlose Vertriebs- und Verkaufsplattformen auch für gebrauchte Bücher auftaten, wird sich wohl bald zeigen. Vielleicht schon am 20. April. Dann soll, wie ich dem Flyer, der mir beim Verlassen in die Hand gedrückt wurde, entnehmen konnte, die nächste Bücherbörse über die Bühne gehen – wieder im Hotel Wimberger.

P.S. Im Nachhinein habe ich herausgefunden, dass die Bücherbörse jetzt von einem anderen Veranstalterteam organisiert wird. Hier findet man die Infos dazu.

Eric Hobsbawm

Der Historiker Eric Hobsbawm schreibt in seiner wunderbaren Autobiographie Gefährliche Zeiten – Ein Leben im 20. Jahrhundert, wie er im Alter von 15 Jahren im Berlin der Jahre 1932/33 zum Kommunisten geworden war und seiner Überzeugung aus „Trotz“ und „Stolz“, wie er betont, und ohne sich Illusionen über die Verhältnisse in den real existierenden Sozialismen nach Weltkrieg II zu machen, zeitlebens treu geblieben ist. Obzwar Hobsbawm gegen den Einmarsch der Roten Armee in Ungarn 1956 öffentlich Stellung bezog, verweigerte er sich der anti-kommunistischen Kalten-Kriegsfront, in der sich viele ehemalige Genossen einfanden. Der Autor unterscheidet zwischen den sich an der Macht befindlichen KPs und den kommunistischen Parteien im Westen, die sich in Opposition befanden und deren Mitglieder, je nach Land verschieden, mit Berufsverboten bzw. erheblichen beruflichen Nachteilen zu rechnen hatten. So blieben dem linken Historiker die universitären Tore auf Grund seiner Mitgliedschaft in der KP Großbritanniens bis spät in die 70-er Jahre verschlossen. Dass er dennoch eine große intellektuelle Karriere machen konnte, verdankte er liberal gesinnten Verlegern, die seine historischen Studien publizierten und seinem Faible für den Jazz. Seine Konzert- und Plattenkritiken erschienen in der Presse, freilich unter diversen Pseudonymen.

Warum blieb er trotz alledem Kommunist? Warum wollte er sich dennoch nicht von der Partei trennen? Zum einen, schreibt Hobsbawm, weil er gewissermaßen noch vor den stalinistischen Prozessen in sehr jungen Jahren kommunistisch sozialisiert worden war, und zum anderen, weil die Oktoberrevolution und die UdSSR – trotz aller unleugbaren Missstände und letztendlich ungeheuerlichen Verbrechen – das in der Geschichte der Menschheit einzige Projekt der Befreiung der Arbeiterklasse war. Vor diesem Hintergrund wird nachvollziehbar, dass Hobsbawm den Bruch Chruschtschows mit dem Stalinismus, den er in der berühmten Geheimrede auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Jahre 1956 vollzogen hat, als den Beginn des Niedergangs erfasst.

Am 22. Jänner ist Eric Hobsbawm auf Einladung der „Wiener Vorlesungen“ im Wiener Rathaus – und ich werde auch dort sein.

U-Bahn Kommunikation

Die Benützung öffentlicher Verkehrsmittel in Großstädten hat in der Regel den Vorteil, dass man relativ rasch von einem Ort an einen anderen gelangt, insbesondere zu Stoßzeiten.
Nun kann es bisweilen vorkommen, und gestern war wieder einmal so ein Tag, dass technische Störungen ein Weiterfahren verhindern und einen ungewollten Aufenthalt im U-Bahntunnelnetz erzwingen. Dies wäre an sich nicht weiter störend, würde der Fahrer die Reisenden über den Grund des ungewollten Tunnelaufenthaltes informieren, etwa mit einer kurzen, mit beruhigender Stimme vorgetragenen Lautsprecheransage, Meine Damen und Herren, auf Grund einer technischen Störung kommt es zu einem kurzen Aufenthalt. Seien sie nicht beunruhigt, die Fahrt des Zuges wird in Kürze fortgesetzt.

Wenn aber die Stimme des Fahrers nicht zu vernehmen ist, und gestern war wieder einmal so ein Tag, und man somit auch keinerlei Erklärung angeboten bekommt für das kurzfristige Erlöschen der Innenbeleuchtung bei gleichzeitig einsetzenden Hupsignalen, die man trotz jahrelanger U-Bahnfahrerfahrung bislang noch nie gehört hat, dann kann folgendes Phänomen beobachtet werden: Werden im Normalfall U-Bahnfahrten relativ kommunikationslos verbracht, mutieren derart im Ungewissen gelassene Reisende zu Kommunikationsjunkies. Aber, da der Stadtmensch respektvoll ist, quatscht er eben nicht den fremden, neben ihm stehenden oder sitzenden Zeitgenossen unvermittelt an, sondern begibt sich auf die hektische Suche nach seinem Handy, das er in seiner Mantel,- Hosen- oder Handtasche vermutet, was sich auf Grund des spärlich ausgeleuchteten U-Bahnwagons etwas schwierig gestaltet, um dann, wenn er das Ding endlich gefunden hat, einem abwesenden Vertrauten aufgeregt mitzuteilen, dass er gerade in der U-Bahn feststecke, nicht wisse, was los sei, und nicht sagen könne, wann er nach Hause, ins Büro oder sonst wo hin kommen werde.

Gäbe es diese Handy-Terroristen nicht, würde sich ein besonnener Zeitgenosse in der Regel einen derartigen Vorfall damit erklären, dass die U-Bahn eine kurze technische Störung haben werde, die Informationspolitik der Wiener Linien nach wie vor in den 1970-er Jahren stecken geblieben sei und es ohnehin gleich weiter gehen werde. Da er sich aber von diesen Mutanten umzingelt erkennen muss, verspürt er blitzartig ein Unwohlsein, das sich in null Komma nichts in Beklemmungszustände verwandelt und Angstschweißausdünstungen produziert.

Wäre da nicht im nächsten Moment ein leichtes Rucken des Zuges bemerkbar, welches sich kurz danach als langsame Fahrbewegung einordnen lässt, und in den Gesichtern der Mitreisenden nicht hörbare Seufzer der Erleichterung zeichnet, die ihm zu verstehen geben, gerade noch einmal mit dem Leben davon gekommen zu sein, muss er auch nicht mehr überlegen, ob er das nächste Mal nicht doch lieber mit dem Auto den Weg von A nach B nehmen soll.

Nein, er steigt erleichtert in der nächsten Station aus, um am nächsten Tag, der hoffentlich nicht so ein Tag wird wie der Gestrige, wieder einsteigen zu können.

Groundhog Day forever

Auf Martin Blumenau’ FM4-Log, mit dem ich, kaum im Büro und den PC hochgefahren, mein Tagwerk beginne, fand ich den schönen Satz „You’re no longer imprisoned by your times“, den Bruce Springsteen in einem Gespräch mit Win Butler von Arcade Fire fallen ließ.

Springsteen bezog den Satz auf die heutige populäre Musik, die er befreit sieht vom Referenzkriterium des in der Zeitachse steckengebliebenen Popmuseums, das das Hirn zur Unbeweglichkeit verdammt hat wie ein Schwabbelbauch den Körper. Möglich geworden ist diese neue Freiheit dank der rhizomartigen Ausweitung und Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Genres und Sub-Genres im heutigen populären Musikschaffen und, diese Verhältnisse produzierend und befördernd, der ständigen und sofortigen Verfügbarkeit jedweder Musik in der digitalen Weltmaschine.

Wiewohl sich der Satz also auf die Musik bezieht, hat Blumenau recht, wenn er ihm eine weit über die Musik hinausweisende Relevanz zumisst.

„Die Fesseln einer Geschichtsschreibung, die meint, immer weiter in eine bestimmte Richtung (des Fortschritts) schreiten zu müssen, durch die – mittels neuer Technologien in den nächsten Jahren ohnehin massiv beförderte – Gleichzeitigkeit von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zu sprengen, das wird die Herausforderung. Das Bejammern dieser Wir-stecken-fest!-Situation hat vielleicht nur noch in den Köpfen der älteren Generation Platz, die noch ein wenig in den Hobby-Heftln und Images aus den 60ern und 70ern lebt, gleichzeitig aber die Chancen, die die Überfuhr in die 4. Dimension der digitalen Welten bietet, nicht annehmen mag. Denn hinter dem, was Toledo „Verflüssigung“ nennt, steckt wohl die Aufhebung des Begriffs der Zeit, wie wir sie kennen, also der rein analogen von A nach B-Definition davon.

We’re no longer imprisoned by our times!

Hier geht’s zum Blumenau-Eintrag

Barack Obama – Rede nach New Hampshire Niederlage

Nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse der Vorwahlen von New Hampshire, bei denen Barack Obama knapp Hillary Clinton unterlegen ist, hielt der charismatische Kandidat eine Rede vor Parteitagsdelegierten. Schon der Text der Rede, vor allem aber auch das Video, verdeutlichen, warum Obama imstande ist, so viel Zustimmung auszulösen. Robert Misik hat ganz richtig festgestellt:
Barack Obama ist nicht ein schriller, extravaganter Kandidat, der in einem Kleinstaat mit obskurer Wählerschaft einen Überraschungssieg landet. Obama galt längst schon als die elektrisierende Gestalt des linksliberalen Amerika. Er ist ein politisches Naturtalent, unverbraucht, mit viel Charisma, einer, der es versteht, den Menschen Hoffnung zu geben. Ein Politiker der „ganz anders“ ist, aber doch kein Anti-Politiker. Einer, der reden kann wie Martin Luther King, und der dennoch nicht verstaubt wirkt, und der auch mit weißen Erdnussfarmern aus dem Mittelwesten so umgeht wie einer der ihren. (…) Halb Prediger, halb kommunitaristischer Theoretiker, halb linker Weltverbesserer, kann sich seiner Magie kaum jemand entziehen. Längst gilt Obama als der „neue Bobby Kennedy“. Wenn er einen Saal betritt, sagte unlängst der ehemalige US-Vizepräsident Walter Mondale, dann reagieren die Leute, „als läge Sternenstaub in der Luft – jeder will eine Prise abbekommen„. (Vollständiger Misik-Kommentar)

Infos zu Barack Obama

Notizen zu Lion Feuchtwangers‘ "Die Geschwister Oppermann"

Ich las den Roman „Die Geschwister Oppermann“ von Lion Feuchtwanger. Stauend entnahm ich dem kurzen Nachwort, dass der Text im Frühjahr 1933 verfasst und bereits im November 1933 im Querido-Verlag in Amsterdam erschienen ist. Feuchtwanger befand sich auf einer Auslandsreise, als er von der Machtübernahme der Nationalsozialisten Anfang 1933 erfuhr; er sollte zeitlebens nicht mehr nach Deutschland zurückkehren.

Der Schriftsteller Gustav Oppermann, als Alter Ego des Autors angelegt, feiert seinen 50. Geburtstag in seiner Villa in Berlin Grunewald. Man schreibt November 1932, man mokiert sich über die „Landsknechte“, über deren grenzenlose Dummheit und ist davon überzeugt, dass die Nazis ihre größten Erfolge bereits hinter sich haben. Die von den Zionisten geäußerten warnenden Stimmen, bleiben in der Minderheit. So beginnt Feuchtwangers’ Roman, in dem er die Geschichte der drei Brüder Martin, Gustav und Edgar Oppermann und ihrer Familien vor dem Hintergrund der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zeichnet. Martin, Inhaber und Geschäftsführer eines angesehenen Möbelhauses in Berlin, Gustav, der Schriftsteller und Edgar, der bekannte Arzt, stehen beispielhaft für das assimilierte Berliner Judentum. Dem Autor gelingt es auf eindringliche Weise zu zeigen, wie sich die Barbarei in den Institutionen der Weimarer Republik, in Wirtschaft und Gesellschaft, einnistet und warum – trotz Wahrnehmung aller Anzeichen – die assimilierten Juden die existenzielle Bedrohung lange nicht wahr haben wollen.

Manes Sperber

Im Alter von etwa 25 Jahren bekam ich Manès Sperbers Autobiografie All das Vergangene zum ersten Mal in die Hände. Es war die Gesamtausgabe aller drei Teile, die der Europa Verlag 1983 herausgegeben hatte. Ich erinnere mich, dass ich von der Beschreibung des ärmlichen Lebens im jüdischen Stetl Zablotow, in der heutigen Ukraine gelegen, tief beeindruckt war, und die, dem ersten Teil der Autobiografie den Titel gebenden Wasserträger Gottes, kräftige Männer, die den wohlhabenden jüdischen Familien das Wasser aus dem Gemeinschaftsbrunnen in großen Kesseln ins Haus brachten, sollte ich bis heute nicht vergessen. Der Erste Weltkrieg und die mit Fortdauer des Krieges anschwellende Bedrohung, von den Russen besetzt zu werden, zwang die Familie zur Flucht. Die Folge: das erste Exil für den jungen Sperber, er kam nach Wien – und für mich, das Ende der Lektüre. Meinen Freunden versicherte ich, dem Autor »sei der Saft ausgegangen«.

Die flott gestrickte Erklärung, wonach sich Sperber mit der ungemein eindrucksvollen Schilderung der (später) von den Nazis ausgelöschten Welt des jüdischen Stetls am äußersten Rande der Monarchie die Latte derart hochgelegt habe, wodurch alles folgende, gelinde gesagt, nur Mittelmaß sein konnte, sollte dem 25-jährigen genügen.

Als ich vor kurzem Karl Markus Gauß’ Tagebuchaufzeichnungen,
Notizen und Essays, die unter dem Titel Zu früh, zu spät erschienen sind, las – notabene, mit großem Gewinn und Genuss, wie alles von diesem Autor bisher Gelesene –, stieß ich auch auf Manès Sperber, den mir Gauß als einen »Kritiker der falschen Alternative« vorstellte, als einen linken Antifaschisten, der mit dem Kommunismus frühzeitig gebrochen hatte.

Die »falsche Alternative«: Konnte es sein, dass sich der 25-Jährige die Lektüre der Sperber’schen Erinnerungen verbot, weil er die darin zum Ausdruck gebrachten Gedanken als Bedrohung für sein damaliges Weltbild erahnt hat? Als ich den dicken Wälzer daraufhin aus meinem Bücherregal holte und vom Staub befreite, wusste ich bereits, dass die Frage nur rhetorisch zu verstehen war. Ja, ich habe es wohl geahnt, dass mich die Aufzeichnungen dieses Autors in einen – wie mir offenbar schien – unlösbaren Konflikt gebracht hätten, vor dem ich mich schützen musste. Diesem Konflikt konnte ich mich aber ohnehin nicht entziehen.

»Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien«, schrieb der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann, und es waren in der Tat die täglichen Medienberichte, vor allem die Fernsehbilder von den Massenkundgebungen, die sich in den Staaten des real existierenden Sozialismus seit der 2. Hälfte der 1980-er Jahre ereigneten, und diese nicht zum Tanzen, sondern zum Einsturz brachten, und, so ganz nebenbei, auch mein festgezurrtes Welterklärungsraster, meine Basisstation für alle politischen Erkundungen, erodieren, und, nicht nur mich, für lange Zeit in ein begriffsloses Chaos stürzen ließ. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich in den über den Bildschirm flimmernden Gesichtern, die am Abend des 9. November 1989 rund ums Brandenburger Tor in die Kameras grinsten oder auf dem »antifaschistischen Schutzwall« mit Bier in der Hand der Kamera zuprosteten, zunächst bloß den grölenden Mob wahrnahm – die große Freude sollte sich erst später einstellen. Die Monate davor, als DDR-Bürger massenhaft via Ungarn und Österreich nach Westdeutschland strömten, haben die künftige Entwicklung bereits vorweggenommen, und meine Hoffnung, dass die von Gorbatschow eingeleiteten Demokratisierungsschritte den real existierenden Sozialismus tatsächlich in einen demokratischen Sozialismus verwandeln könnten, begann zu schwinden.

Aber was war die Alternative? Einige Monate danach war ich Gast auf der Hochzeitsfeier eines Freundes. Man trank Bier und Wein, man unterhielt sich gut und man sprach natürlich auch über die politische Lage. Es war die Zeit der großen Massendemonstrationen in Moskau und Leningrad, Folge von Glasnost und Perestroika, und wir waren uns, trotz kleinerer Divergenzen, im Grunde einig, dass Gorbatschows Weg alternativlos war. Bis auf F., ein mir als Mitglied der KPÖ bekannter Musiker. Er sah in Gorbatschow einen »Verbrecher«, einen »Konterrevolutionär«, der aber, davon war F. überzeugt, ohnehin bald »Geschichte ist«. Und dann sagte F. etwas, was ich nie vergessen werde: »Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden Panzer auf dem roten Platz stehen und so lange in die Menge schießen, bis das Blut einen halben Meter hoch sein wird. Dann wird Schluss sein mit der blödsinnigen Glasnost und Perestroika-Scheiße.«

F. hätte das nicht so gemeint, er wollte bloß provozieren, sagte mein Freund und wir sprachen nicht mehr davon, aber trotz der Hitze an diesem Tag, war mir kalt geworden und ich habe mich bald verdrückt.

Da der Zusammenbruch der Sowjetunion zum Glück anders verlaufen ist, könnte man die ganze Episode einfach auf sich beruhen lassen. Ich kann den Vorfall dennoch nicht vergessen, zum einen, weil ich selbst Stalin vor dem F.’schen Stalinismus in Schutz nahm, indem ich beim Nachhause gehen ernsthaft davon überzeugt war, dass selbst Stalin solche Maßnahmen nicht hätte in Erwägung gezogen. Und zum anderen, weil ich mich dann auch mit der F.’schen Rede vom »Konterrevolutionär« beschäftigt habe, der die Sowjetunion in ihrer Existenz gefährde und damit auch die gesamte nach der Befreiung vom Nationalsozialismus errichtete Nachkriegsordnung Europas.

Es hat lange gedauert, bis ich aus dieser ideologischen und moralischen Sackgasse herausfand, bis ich es zuließ, zu begreifen, dass aufgrund dieser Ordnung in Osteuropa Menschen lebten, denen in ihrer überwiegenden Mehrheit Freiheiten und Rechte vorenthalten wurden, die für uns im Westen zur Selbstverständlichkeit geworden sind, sodass wir unfähig waren, uns vorzustellen, was es hieß, ohne diese leben zu müssen. Denn wäre es anders gewesen, hätten wir den Konsens innerhalb der Linken Westeuropas, wonach allein die Existenz der sozialistischen Staaten den kapitalistischen Westen zu Zugeständnissen zwang, nicht mittragen können. Unabhängig davon, ob diese Rede richtig war oder nicht, und völlig egal, ob dank des »Systemwettbewerbs« die sozialstaatlichen Errungenschaften im Westen etabliert wurden oder nicht, entscheidend ist, dass wir in der »falschen Alternative« gedacht haben. Wir haben uns hinter einer Ideologie verschanzt, die nur »Menschheit« und nicht »Mensch« kennt und die nur die »politische Ordnung« im Blick hat, und nicht die Millionen Individuen, die darin leben müssen.

Epilog: Im 1930 veröffentlichten »Lehrstück« Die Maßnahme lässt Bertolt Brecht den »Kontollchor« folgende eiskalte Sätze sagen:

»Wer für den Kommunismus kämpft, der muß kämpfen können und nicht kämpfen; die Wahrheit sagen und die Wahrheit nicht sagen; Dienste erweisen und Dienste verweigern; Versprechen halten und Versprechen nicht halten, sich in Gefahr begeben und die Gefahr vermeiden; kenntlich sein und unkenntlich sein. Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: Daß er für den Kommunismus kämpft«.

1932/33 bereiste der in Budapest geborene jüdische Schriftsteller und Intellektuelle Arthur Koestler das Land der Oktoberrevolution. Er kehrte enttäuscht nach Berlin zurück, aber es sollten noch einige Jahre vergehen, bis er, unter dem Eindruck der stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse mit dem Kommunismus stalinistischer Prägung gebrochen hat. In Darkness at noon, zu Deutsch Sonnenfinsternis (die deutsche Urfassung ging verloren, sodass die jetzt erhältliche deutsche Fassung eine Rückübersetzung aus dem Englischen ist), schildert er anhand des Helden der Revolution Rubaschow, einer literarischen Figur, deren reale Vorbilder Trotzki, Bucharin und Kamenjew waren, wie es möglich war, dass ein »aufrechter« Revolutionär öffentlich sich völlig absurder und offensichtlich konstruierter Selbstbezichtigungen zeiht, und im darauf folgenden Todesurteil seinen letzten Dienst an der Partei erbringt.