Zero Mostel

zero_mostelFrühling für Hitler beim Kino am Dach der Hauptbibliothek. Diesen Streifen von Mel Brooks wollte ich sehen, seitdem mir C. so vorgeschwärmt hatte, dass ich mich vor Lachen kaum mehr halten konnte.
Um 20 Uhr begann es leicht zu regnen, sodass ich mich entschloss, mit dem Auto zur Bibliothek am Gürtel zu fahren. Kaum war ich am Urban-Loritz-Platz angekommen, hat sich wieder einmal eines dieser Shit-Gewitter entladen, von denen die Stadt im heurigen Sommer schon mehrfach geprügelt wurde. Als der Weltuntergang endlich vorbei war, kurvte ich durch die Seenlandschaft nach Hause. Ich beschloss, mir den Film aus dem Netz zu besorgen.

Nachdem ich dieses Meisterwerk in der Originalfassung endlich gesehen habe, kann ich nur allen, die The Producers, so der Originaltitel, mit Zero Mostel und Gene Wilder, noch nicht kennen, dringend empfehlen: Besorgt euch den Film, ihr werdet es mit Sicherheit nicht bereuen.

Ohne die großartigen darstellerischen Leistungen der anderen Mitwirkenden (Gene Wilder erhielt 1968 eine Oscar-Nominierung in der Kategorie Bester Nebendarsteller) schmälern zu wollen: Dieser Streifen wird neben seinem köstlichen Plot (Mel Brooks erhielt 1968 den Oscar für das Beste Originaldrehbuch) vor allem von Zero Mostel getragen. Mostel wurde für seine grenzgeniale Darstellung des Broadway-Produzenten Max Bialystock im Jahre 1969 mit einer Golden Globe Nominierung als Bester Hauptdarsteller (Komödie/Musical) bedacht.

Zero Mostel kannte ich aus zwei Filmen, die sich beide mit der McCarthy-Ära der 1950-er Jahre beschäftigen und, wie ich jetzt feststellte, auch im selben Jahr, nämlich 1976, produziert wurden. In Martin Ritts Spielfilm The Front (Der Strohmann) spielt Woody Allen einen Drehbuchautor, der Autoren, die auf der Schwarzen Liste des House Commitee on Unamerican Activities“ (HUAC) gelandet sind, seinen Namen leiht, damit sie das gegen sie verhängte Berufsverbot umgehen können. Zero Mostel gibt darin einen Komiker, der die gegen ihn gerichtete Hetze nicht mehr erträgt und Selbstmord begeht. Viele der Miwirkenden des Films, insbesondere Martin Ritt, Drehbuchautor Walter Bernstein und Zero Mostel, waren selbst Opfer der antikommunistischen Hetze geworden. Mostel wurde 1955 vor den Ausschuss zitiert, wo er sich auf den fünften Verfassungszusatz (Aussageverweigerungsrecht) berufen hat. Dadurch kam er automatisch auf die Schwarze Liste, wodurch er wiederum jahrelang keine Chance auf einen Job im Filmbusiness hatte.

Das Vorgehen McCarthys gegen Hollywood thematisiert der andere Film, in dem Mostel auftaucht: Hollywood on Trial, ein Dokumentarfilm von David Helpern, zeigt Ausschnitte aus den Verhören von Bertolt Brecht, Dalton Trumbo oder dem McCarthy-Freund Walt Disney sowie Interviews, die der Regisseur unter anderen mit Otto Preminger und eben auch Zero Mostel geführt hat.

Zero Mostel stand neben vielen anderen Film- und Fernsehschaffenden auf der Schwarzen Liste, die bis in die 1960-er Jahre nachwirkte. Wohl auch bis ins Jahr 1968; wie sonst soll ich mir erklären, dass Mostel von der Oscar-Jury des Jahres 1968 nicht für einen Oscar in der Kategorie Bester männlicher Hauptdarsteller nominiert worden war?

Mutter Courage im Ahmadinedjad-Land

Seit 1983 findet jedes Jahr das zehntägige Fadjr-Theaterfestival in Teheran statt, eines der größten Theaterevents im islamischen Raum, dass zu Ehren des Führers der islamischen Revolution Ajatollah Ruhollah Chomeini gegründet wurde. Da auf diesem Festival, das heuer vom 6. bis zum 16. Februar ablaufen wird, seit Jahren neben iranischen Produktionen auch internationale zu sehen sind, überrascht es nicht, wenn auch in diesem Jahr Theatergruppen und Ensembles aus Russland, Polen, Frankreich, Armenien, der Schweiz und aus Deutschland nach Teheran reisen. So auch Klaus Peymann und sein Berliner Ensemble (BE). Sie werden mit dem Bert Brecht Stück Mutter Courage und ihre Kinder vom 12. bis 14. Februar in der iranischen Hauptstadt gastieren, während zur gleichen Zeit die Bühnenfassung von Anne Franks Tagebuch auf dem Spielplan des BE in Berlin steht. In der Presseerklärung von Peymann „zum wichtigsten Gastspiel“ seiner Direktion, wie er betont, findet sich folgende Begründung für den Trip nach Teheran: „In einem vom Krieg bedrohten Land ein Anti-Kriegsstück wie die MUTTER COURAGE von Brecht zu spielen, hat eine besondere Bedeutung„.

Ich denke, wer die Reise in ein islamfaschistisches Land, dass nicht vom Krieg bedroht ist, sondern längst Krieg führt, „sowohl nach innen gegen die eigene Bevölkerung als auch nach außen durch die Unterstützung von Terrorbanden wie Hamas und Hisbollah„, wie es in einer Presseerklärung des Komitees gegen deutsche Kultur im Iran und anderswo völlig zu Recht heißt, mit der bewussten Verdrehung politischer Realitäten zu legitimieren versucht, verschwindet damit von selbst als ernstzunehmende Stimme aus der zivilisierten Debatte.

Vielleicht ist es aber ganz anders, träume ich, vielleicht ist es die Brecht’sche List, die Peymann antreibt, weil er natürlich auch weiß, dass es klüger ist, ein Anti-Kriegsstück nicht in dem vom Krieg bedrohten Land zu spielen, sondern in jenem Land, das den Krieg vorbereitet. Freilich, würde er das so sagen, bräuchte er gar nicht aus Berlin abreisen – die Mullahs würden ihn nie reinlassen. Daher diese Verdrehung der Fakten, dieser Kunstgriff, erfunden, um die iranischen Zensoren hinters Licht zu führen. Erst diese List ermöglicht es Peymann, das „neugierige, intelligente, großstädtische Publikum“ (Peymann in der Presseerklärung) in Teheran mit dem Anti-Kriegsstück zu konfrontieren.

Hier steht, warum dieser Traum blödsinnig ist, und hier, was man sonst noch tun sollte.

Manes Sperber

Im Alter von etwa 25 Jahren bekam ich Manès Sperbers Autobiografie All das Vergangene zum ersten Mal in die Hände. Es war die Gesamtausgabe aller drei Teile, die der Europa Verlag 1983 herausgegeben hatte. Ich erinnere mich, dass ich von der Beschreibung des ärmlichen Lebens im jüdischen Stetl Zablotow, in der heutigen Ukraine gelegen, tief beeindruckt war, und die, dem ersten Teil der Autobiografie den Titel gebenden Wasserträger Gottes, kräftige Männer, die den wohlhabenden jüdischen Familien das Wasser aus dem Gemeinschaftsbrunnen in großen Kesseln ins Haus brachten, sollte ich bis heute nicht vergessen. Der Erste Weltkrieg und die mit Fortdauer des Krieges anschwellende Bedrohung, von den Russen besetzt zu werden, zwang die Familie zur Flucht. Die Folge: das erste Exil für den jungen Sperber, er kam nach Wien – und für mich, das Ende der Lektüre. Meinen Freunden versicherte ich, dem Autor »sei der Saft ausgegangen«.

Die flott gestrickte Erklärung, wonach sich Sperber mit der ungemein eindrucksvollen Schilderung der (später) von den Nazis ausgelöschten Welt des jüdischen Stetls am äußersten Rande der Monarchie die Latte derart hochgelegt habe, wodurch alles folgende, gelinde gesagt, nur Mittelmaß sein konnte, sollte dem 25-jährigen genügen.

Als ich vor kurzem Karl Markus Gauß’ Tagebuchaufzeichnungen,
Notizen und Essays, die unter dem Titel Zu früh, zu spät erschienen sind, las – notabene, mit großem Gewinn und Genuss, wie alles von diesem Autor bisher Gelesene –, stieß ich auch auf Manès Sperber, den mir Gauß als einen »Kritiker der falschen Alternative« vorstellte, als einen linken Antifaschisten, der mit dem Kommunismus frühzeitig gebrochen hatte.

Die »falsche Alternative«: Konnte es sein, dass sich der 25-Jährige die Lektüre der Sperber’schen Erinnerungen verbot, weil er die darin zum Ausdruck gebrachten Gedanken als Bedrohung für sein damaliges Weltbild erahnt hat? Als ich den dicken Wälzer daraufhin aus meinem Bücherregal holte und vom Staub befreite, wusste ich bereits, dass die Frage nur rhetorisch zu verstehen war. Ja, ich habe es wohl geahnt, dass mich die Aufzeichnungen dieses Autors in einen – wie mir offenbar schien – unlösbaren Konflikt gebracht hätten, vor dem ich mich schützen musste. Diesem Konflikt konnte ich mich aber ohnehin nicht entziehen.

»Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Medien«, schrieb der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann, und es waren in der Tat die täglichen Medienberichte, vor allem die Fernsehbilder von den Massenkundgebungen, die sich in den Staaten des real existierenden Sozialismus seit der 2. Hälfte der 1980-er Jahre ereigneten, und diese nicht zum Tanzen, sondern zum Einsturz brachten, und, so ganz nebenbei, auch mein festgezurrtes Welterklärungsraster, meine Basisstation für alle politischen Erkundungen, erodieren, und, nicht nur mich, für lange Zeit in ein begriffsloses Chaos stürzen ließ. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich in den über den Bildschirm flimmernden Gesichtern, die am Abend des 9. November 1989 rund ums Brandenburger Tor in die Kameras grinsten oder auf dem »antifaschistischen Schutzwall« mit Bier in der Hand der Kamera zuprosteten, zunächst bloß den grölenden Mob wahrnahm – die große Freude sollte sich erst später einstellen. Die Monate davor, als DDR-Bürger massenhaft via Ungarn und Österreich nach Westdeutschland strömten, haben die künftige Entwicklung bereits vorweggenommen, und meine Hoffnung, dass die von Gorbatschow eingeleiteten Demokratisierungsschritte den real existierenden Sozialismus tatsächlich in einen demokratischen Sozialismus verwandeln könnten, begann zu schwinden.

Aber was war die Alternative? Einige Monate danach war ich Gast auf der Hochzeitsfeier eines Freundes. Man trank Bier und Wein, man unterhielt sich gut und man sprach natürlich auch über die politische Lage. Es war die Zeit der großen Massendemonstrationen in Moskau und Leningrad, Folge von Glasnost und Perestroika, und wir waren uns, trotz kleinerer Divergenzen, im Grunde einig, dass Gorbatschows Weg alternativlos war. Bis auf F., ein mir als Mitglied der KPÖ bekannter Musiker. Er sah in Gorbatschow einen »Verbrecher«, einen »Konterrevolutionär«, der aber, davon war F. überzeugt, ohnehin bald »Geschichte ist«. Und dann sagte F. etwas, was ich nie vergessen werde: »Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden Panzer auf dem roten Platz stehen und so lange in die Menge schießen, bis das Blut einen halben Meter hoch sein wird. Dann wird Schluss sein mit der blödsinnigen Glasnost und Perestroika-Scheiße.«

F. hätte das nicht so gemeint, er wollte bloß provozieren, sagte mein Freund und wir sprachen nicht mehr davon, aber trotz der Hitze an diesem Tag, war mir kalt geworden und ich habe mich bald verdrückt.

Da der Zusammenbruch der Sowjetunion zum Glück anders verlaufen ist, könnte man die ganze Episode einfach auf sich beruhen lassen. Ich kann den Vorfall dennoch nicht vergessen, zum einen, weil ich selbst Stalin vor dem F.’schen Stalinismus in Schutz nahm, indem ich beim Nachhause gehen ernsthaft davon überzeugt war, dass selbst Stalin solche Maßnahmen nicht hätte in Erwägung gezogen. Und zum anderen, weil ich mich dann auch mit der F.’schen Rede vom »Konterrevolutionär« beschäftigt habe, der die Sowjetunion in ihrer Existenz gefährde und damit auch die gesamte nach der Befreiung vom Nationalsozialismus errichtete Nachkriegsordnung Europas.

Es hat lange gedauert, bis ich aus dieser ideologischen und moralischen Sackgasse herausfand, bis ich es zuließ, zu begreifen, dass aufgrund dieser Ordnung in Osteuropa Menschen lebten, denen in ihrer überwiegenden Mehrheit Freiheiten und Rechte vorenthalten wurden, die für uns im Westen zur Selbstverständlichkeit geworden sind, sodass wir unfähig waren, uns vorzustellen, was es hieß, ohne diese leben zu müssen. Denn wäre es anders gewesen, hätten wir den Konsens innerhalb der Linken Westeuropas, wonach allein die Existenz der sozialistischen Staaten den kapitalistischen Westen zu Zugeständnissen zwang, nicht mittragen können. Unabhängig davon, ob diese Rede richtig war oder nicht, und völlig egal, ob dank des »Systemwettbewerbs« die sozialstaatlichen Errungenschaften im Westen etabliert wurden oder nicht, entscheidend ist, dass wir in der »falschen Alternative« gedacht haben. Wir haben uns hinter einer Ideologie verschanzt, die nur »Menschheit« und nicht »Mensch« kennt und die nur die »politische Ordnung« im Blick hat, und nicht die Millionen Individuen, die darin leben müssen.

Epilog: Im 1930 veröffentlichten »Lehrstück« Die Maßnahme lässt Bertolt Brecht den »Kontollchor« folgende eiskalte Sätze sagen:

»Wer für den Kommunismus kämpft, der muß kämpfen können und nicht kämpfen; die Wahrheit sagen und die Wahrheit nicht sagen; Dienste erweisen und Dienste verweigern; Versprechen halten und Versprechen nicht halten, sich in Gefahr begeben und die Gefahr vermeiden; kenntlich sein und unkenntlich sein. Wer für den Kommunismus kämpft, hat von allen Tugenden nur eine: Daß er für den Kommunismus kämpft«.

1932/33 bereiste der in Budapest geborene jüdische Schriftsteller und Intellektuelle Arthur Koestler das Land der Oktoberrevolution. Er kehrte enttäuscht nach Berlin zurück, aber es sollten noch einige Jahre vergehen, bis er, unter dem Eindruck der stalinistischen Säuberungen und Schauprozesse mit dem Kommunismus stalinistischer Prägung gebrochen hat. In Darkness at noon, zu Deutsch Sonnenfinsternis (die deutsche Urfassung ging verloren, sodass die jetzt erhältliche deutsche Fassung eine Rückübersetzung aus dem Englischen ist), schildert er anhand des Helden der Revolution Rubaschow, einer literarischen Figur, deren reale Vorbilder Trotzki, Bucharin und Kamenjew waren, wie es möglich war, dass ein »aufrechter« Revolutionär öffentlich sich völlig absurder und offensichtlich konstruierter Selbstbezichtigungen zeiht, und im darauf folgenden Todesurteil seinen letzten Dienst an der Partei erbringt.