Moral ist ganz einfach

Ein wunderbarer Nachtragskommentar zur Reise des Berliner Ensembles nach Teheran (hier), der im Tagesspiegel erschienen ist, beschäftigt sich mit dem politischen Engagement von Künstlern. Der Autor nimmt eine präzise Trennung vor zwischen dem gut Gemeintem und dem Gutem, das mit Ersterem nichts gemein hat, und verdeutlicht überdies exemplarisch, wie leicht es im Grunde ist, auch in der Aufmerksamkeitsökonomie die richtige Seite zu finden:

Künstler sind auch nur Menschen, vielleicht mit einem Unterschied: Sie sind leichter erregbar. Deshalb irren sie manchmal kräftiger. Nichts Unmenschliches ist einigen von ihnen fremd. Der Iran ist eine Diktatur, dessen Präsident ein Antisemit, er strebt nach Atomwaffen, will Israel vernichten, unterstützt diverse Terrororganisationen. Kein Mensch, der noch, buchstäblich, bei Trost ist, kann dieses Regime unterstützen. Dort werden Frauen, die vor ihrer Hinrichtung unberührt sind, vergewaltigt, aus Angst, sie kämen andernfalls als Jungfrauen ins Paradies. „Wer die Wahrheit nicht weiß, ist bloß ein Dummkopf“, heißt es bei Bertolt Brecht. „Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!

Wohltuend, derart klare Worte zu lesen!

Mutter Courage im Ahmadinedjad-Land

Seit 1983 findet jedes Jahr das zehntägige Fadjr-Theaterfestival in Teheran statt, eines der größten Theaterevents im islamischen Raum, dass zu Ehren des Führers der islamischen Revolution Ajatollah Ruhollah Chomeini gegründet wurde. Da auf diesem Festival, das heuer vom 6. bis zum 16. Februar ablaufen wird, seit Jahren neben iranischen Produktionen auch internationale zu sehen sind, überrascht es nicht, wenn auch in diesem Jahr Theatergruppen und Ensembles aus Russland, Polen, Frankreich, Armenien, der Schweiz und aus Deutschland nach Teheran reisen. So auch Klaus Peymann und sein Berliner Ensemble (BE). Sie werden mit dem Bert Brecht Stück Mutter Courage und ihre Kinder vom 12. bis 14. Februar in der iranischen Hauptstadt gastieren, während zur gleichen Zeit die Bühnenfassung von Anne Franks Tagebuch auf dem Spielplan des BE in Berlin steht. In der Presseerklärung von Peymann „zum wichtigsten Gastspiel“ seiner Direktion, wie er betont, findet sich folgende Begründung für den Trip nach Teheran: „In einem vom Krieg bedrohten Land ein Anti-Kriegsstück wie die MUTTER COURAGE von Brecht zu spielen, hat eine besondere Bedeutung„.

Ich denke, wer die Reise in ein islamfaschistisches Land, dass nicht vom Krieg bedroht ist, sondern längst Krieg führt, „sowohl nach innen gegen die eigene Bevölkerung als auch nach außen durch die Unterstützung von Terrorbanden wie Hamas und Hisbollah„, wie es in einer Presseerklärung des Komitees gegen deutsche Kultur im Iran und anderswo völlig zu Recht heißt, mit der bewussten Verdrehung politischer Realitäten zu legitimieren versucht, verschwindet damit von selbst als ernstzunehmende Stimme aus der zivilisierten Debatte.

Vielleicht ist es aber ganz anders, träume ich, vielleicht ist es die Brecht’sche List, die Peymann antreibt, weil er natürlich auch weiß, dass es klüger ist, ein Anti-Kriegsstück nicht in dem vom Krieg bedrohten Land zu spielen, sondern in jenem Land, das den Krieg vorbereitet. Freilich, würde er das so sagen, bräuchte er gar nicht aus Berlin abreisen – die Mullahs würden ihn nie reinlassen. Daher diese Verdrehung der Fakten, dieser Kunstgriff, erfunden, um die iranischen Zensoren hinters Licht zu führen. Erst diese List ermöglicht es Peymann, das „neugierige, intelligente, großstädtische Publikum“ (Peymann in der Presseerklärung) in Teheran mit dem Anti-Kriegsstück zu konfrontieren.

Hier steht, warum dieser Traum blödsinnig ist, und hier, was man sonst noch tun sollte.