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Maschinenwinter

Donnerstag, 19. Juni 2008 18:46

„Sterben müssen alle; es kommt nur drauf an, dass man vorher wenigstens einmal den Moment erwischt hat, an dem es gilt: Hau auf die Trommel, sag die Wahrheit, trau dich, zu lieben.“

„Es verhält sich dabei im Kulturellen wie mit der Industrie auf anderen Sektoren: je urtümlicher, agrarischer, zurückgebliebener das Ganze, desto Hungersnot, Schmutz und Stammeskrieg. Also auch: je weniger Fernsehen und Popmusik, desto Dorfpfarrer, Krippenspiel, Tabu und Scherbengericht.“

Der, der solche Sätze hinknallt, heißt Dietmar Dath, war SPEX-Chefredakteur, danach Feuilleton-Redakteur der FAZ, und lebt heute als freier Schriftsteller und Übersetzer. Der Suhrkamp-Verlag hat soeben das jüngste Werk des im Heavy Metal-Kino-Science-Fiction-Universum beheimateten Autors veröffentlicht, den Essay: „Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift„.

Hier ein Auszug aus den zweiten Kapitel („Moral„):

„Selbstverständlich ist eine Gesellschaft unanständig, in der jemand mehr Wohnraum besitzen als bewohnen kann und Behausungen also leer stehen, damit beim Finanzamt Verluste angegeben werden können, in deren Schatten anderswo, im Warmen, Feuchten und Unsichtbaren, große Gewinne gedeihen. Selbstverständlich ist eine Gesellschaft schweinisch, die einerseits für ihre Spitzensportler Laufschuhe mit eingebauten Dämpfungscomputern bereitstellt, andererseits aber alten Frauen mit Glasknochen die Zuzahlung zum sicheren Rollstuhl verweigert und einen Pflegenotstand erträgt, für den sich tollwütige Affenhorden schämen müssten. Selbstverständlich ist eine Gesellschaft obszön, in der Zahlungsmittelengpässe, Liquiditätskrisen und Bankenbeben vorkommen, weil, wie im Sommer und Winter 2007 geschehen, plötzlich deutlich wird, dass Kredite, die man armen Amerikanern aufgeschwatzt hat, damit sie sich Eigenheime kaufen, die sie sich unmöglich leisten können, tatsächlich nicht zurückgezahlt werden. Selbstverständlich ist eine Gesellschaft widerlich, die all diese Dinge sogar in ihren leidlich gepolsterten Gewinnergegenden zulässt; vom Elend der sogenannten Peripherie, will man eh nichts mehr hören.

Unanständig, schweinisch, obszön, widerlich: Davon rede ich nicht.
Moral ist Glückssache und setzt Deckung der wichtigsten Lebensbedürfnisse voraus; meistens hat man andere Sorgen. Ich rede aber davon, dass das alles nicht vernünftig ist und deshalb nicht funktionieren kann. Wer es sich kalten Herzens, wachen Auges anschaut und dann noch ruhig zu verneinen imstande ist, dass möglich sein muss, die Dinge besser einzurichten, ist nicht böse, sondern entweder faul genug, sich betrügen zu lassen, oder vom Geburtszufall ausgelost worden, die im Ganzen seltene, vorläufig aber noch ganz einträgliche Elendsgewinnlerei betreiben zu dürfen, an der dieses Ganze krankt.

Weil Unglück alle treffen könnte, sollten sie idealiter einander dagegen beistehen – das stand in dem Vertrag, den man Sozialstaat nannte. Er war ein Kompromiss zwischen einerseits denen, die ihren Reichtum mit Hilfe ihres Reichtums mehren, und andererseits denen, die nichts haben, was Reichtum schafft, sondern im glimpflichsten Fall ein bisschen Eigentum zum persönlichen Verbrauch.

Gelehrte räuspern sich, wollen mal eben den Grenznutzen der lebendigen Arbeit wissen und rechnen aus: 1 + 1 = 3 für sehr hohe Werte von 1. Man nennt das verniedlichend „Neoliberalismus“; es ist Voodoo: Irgendeine unbekannte Magie soll diesem lächerlichen Abrakadabra zufolge Unternehmen, deren Walten „dereguliert“, also keinen anderen Schranken als denen von Angebot und Nachfrage mehr unterworfen ist, mittelfristig bei über Angebot und Nachfrage ausgehandelten „fairen Löhnen“ zur Einstellung herumlungernder Unnützer animieren, damit nicht alles auseinanderfällt. In Wirklichkeit passiert das nirgends, wo die genannten Schranken fallen. Denn natürlich stimmt jeder Aufsichtsrat, dessen Mitglieder noch bei Trost sind, jederzeit für eine Beschäftigungs-, Innovations- und Rationalisierungspraxis, die den maximalen Profit erwirtschaftet, statt dafür, aufsässige Autobrandstifter aus der französischen Vorstadt mit attraktiven Aufstiegschancen zu bestechen, damit sie nicht wüten. Alle wissen das. Inzwischen gibt es selbst bei Ökonomen, denen nie einfallen würde, die bestehende Unordnung anzutasten, einen Namen dafür: jobless growth. Gemeint ist ein wirtschaftliches Kennzahlenwachstum, das keine Arbeitsplätze mehr abwirft.“

Hier noch Darth himself

So, und jetzt werde ich mir den Essay besorgen – danach vielleicht mehr …

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20 Bauern und 4 Arbeiter

Samstag, 2. Februar 2008 15:41

Michael Sauga, Wirtschaftsredakteur beim Spiegel, erläutert in einem Interview, das ich im Fluter, dem Jugend-Magazin der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung (dazu irgendwann einmal mehr) gefunden habe, warum er den deutschen Sozialstaat für höchst ungerecht und dringend reformbedürftig erachtet.

Saugas’ Hauptkritik, die er in seinem Buch mit dem Titel „Wer arbeitet, ist der Dumme. Die Ausbeutung der Mittelschicht„, 2007 im Piper-Verlag erschienen, ausführlich darlegt, richtet sich gegen die unsolidarische Finanzierung:
Was ich kritisiere, ist, wie dieses System finanziert wird – nämlich nur über die Arbeitnehmer, die Angestellten und Arbeiter. Die Beiträge für die Sozialversicherungen, also die Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung, werden den Arbeitnehmern jeden Monat automatisch vom Lohn abgezogen. Das nennt sich dann Lohnnebenkosten. Jetzt gibt es in Deutschland aber nicht nur Arbeitnehmer. Es gibt noch andere, privilegierte Gruppen, und die müssen diese Beiträge nicht zahlen. Denen wird nichts abgezogen, sondern sie zahlen freiwillig in private Versorgungssysteme ein, die nur ihnen offen stehen und die bessere Leistungen anbieten. Zu dieser Gruppe gehören die Freiberufler und die Selbstständigen, auch die Beamten und ironischerweise auch all die Arbeitnehmer, die gut bis sehr gut verdienen. (…) Im Klartext heißt das: Das Sozialsystem, über das auch die Renten und das Arbeitslosengeld finanziert werden, wird von schlecht bis mittel verdienenden Arbeitnehmern finanziert, während sich alle anderen aus dem System ausklinken können.“ (Hier das ganze Interview)

Die skandinavischen Länder zeigen, das es auch anders geht: Nach dem Prinzip, Alle zahlen in denselben Topf ein und alle bekommen aus demselben Topf wieder heraus, ist dort seit Jahrzehnten eine wesentlich solidarischere, weil alle gesellschaftlichen Gruppen in die Pflicht nehmende Sozialstaatskonzeption etabliert.

Warum dieses Modell – also höhere Steuern bei gleichzeitiger Senkung der Lohnnebenkosten – nicht auch in Deutschland (und in Österreich) umgesetzt wird, hängt für Sauga vor allem damit zusammen, dass sich die politischen Elite in Deutschland in ihrer überwiegenden Mehrheit aus den vom bestehenden System profitierenden Berufsgruppen zusammensetzt: Selbstständige und Freiberufler, öffentlich Bedienstete und gut verdienende Angestellte aus den Interessensvertretungen.

Ein Blick auf die Website des Österreichischen Parlaments, auf der sich auch eine Berufsstatistik der Österreichischen Abgeordneten zum Nationalrat und zum Bundesrat findet, bestätigt diesen Befund auch für Österreich: Von den 183 Abgeordneten zum Nationalrat sind 54 Bundes- oder Landesbedienstete, das sind 29,5% aller Abgeordneten (im Bundesrat rekurrieren sich sogar 38,7% aus dieser Berufsgruppe) und damit überproportional viele, da lediglich 12,8% aller in Österreich Vollzeitbeschäftigten im öffentlichen Dienst tätig sind. Weitere stark repräsentierte Berufsgruppen sind die Berufspolitiker und die Funktionäre von Interessensvertretungen wie Kammern und Gewerkschaften (24,6% in Nationalrat, 16,7% im Bundesrat) sowie die Freiberufler mit 11,5% (lediglich 3,2% im Bundesrat) und die Bauern mit 8,2% im Nationalrat (8,1% im Bundesrat) – ein besonderes Kuriosum, wenn man bedenkt, dass nur noch 2,7% der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig sind.

Angesichts des Faktums, dass sich unter 183 Abgeordneten zum Nationalrat und 65 Abgeordneten zum Bundesrat lediglich vier Arbeiter finden – zwei im Nationalrat, zwei im Bundesrat -, bedarf es wohl keiner profunden volkswirtschaftlichen Expertise mehr, um Michael Saugas’ These, wonach das „Sozialsystem von schlecht bis mittel verdienenden Arbeitnehmern finanziert“ wird, für plausibel zu halten.

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