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Qualität im Fernsehen

Mittwoch, 10. Dezember 2008 23:05

Gestern hat der ORF seinen „Public Value Report“ vorgestellt. Die Hochglanzbroschüre soll die Existenz des ORF als auch durch Programmentgelte finanzierte öffentlich-rechtliche Anstalt legitimieren. ORF-Mitarbeiter präsentieren all jene Sendungen seit 2007, die einen „öffentlich-rechtlichen Mehrwert“ haben.

Wie eine den Werten der Aufklärung verpflichtete Fernsehdebatte zu gestalten ist, konnte man ebenfalls gestern sehen – und geradezu exemplarisch bestaunen. Freilich, nicht im ORF, sondern auf ARTE, wo ein brillantes Gespräch zum Thema „Wie christlich ist Europa?“ mit der französischen Philosophin Élisabeth Badinter und der deutsch-türkisch-kurdischen Rechtsanwältin Seyran Ate? stattfand, also mit zwei Frauen, die als vehemente Verfechter der Trennung von Kirche und Staat bekannt sind. Ein wichtiges Plädoyer für die Traditionen der Aufklärung und wider die feige Toleranz!

Nun könnte man zu Recht einwenden, dass innerhalb der Europäischen Union einzig in Frankreich (und mit Abstrichen auch in Portugal) die institutionelle Trennung von Kirche und Staat per Verfassung garantiert ist (übrigens in Artikel 1 der Verfassung: „La France est une République indivisible, laïque, démocratique et sociale.„), sodass der Vergleich mit dem deutschsprachigem Raum in dieser Frage hinkt. Aber, und das ist das Wesentliche, worauf ich hinweisen möchte: Anhand der ARTE-Diskussionen zu jedem Thema lässt sich belegen, dass diese öffentlich-rechtliche Anstalt bei ihren Diskussionssendungen auf eine auf „Ausgewogenheit“ bedachte Einladungspolitik, die im deutschsprachigem Raum Usus ist, ganz bewusst verzichtet. Qualität heißt das Zauberwort!

Undenkbar, dass bei ARTE rechte Dumpfbacken zu Wort kommen; genauso undenkbar, wie eine vergleichbare Diskussionsrunde zum Thema Laizismus im ORF: Schwer vorstellbar, dass dieses Thema hierzulande überhaupt diskutiert werden würde; falls wider Erwarten doch, dann doch wohl nur mit Vertretern der Religionsgemeinschaften. Dank an die Programmverantwortlichen von ARTE, die zeigen, dass es auch anders geht!

Das Video der Gesprächsrunde ist auf Grund dummer gesetzlicher Auflagen nur für sieben Tage auf der Arte-Website abrufbar. Absolute Empfehlung!

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Chancengleichheit im Netz

Dienstag, 18. November 2008 18:27

Wie groß der Politikwandel in den USA durch die Wahl Barack Obamas werden wird, lässt sich auch anhand der Pläne Obamas zur Technologiepolitik ablesen). Während die Bush-Administration ihre Politik im Bereich der digitalen Ökonomie und Infrastruktur ausschließlich in enger Abstimmung mit den großen Medien- und Telekomunternehmen definiert und sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene dementsprechend gehandelt hat, hegen die Vorstellungen und Pläne der künftigen US-Administration berechtigte Hoffnung, dass es nunmehr nicht ausschließlich nach deren Interessen gehen könnte. So wird die Strategie der Telekom- und Kabelnetzbetreiber, ein Zwei- oder Mehrklassen Internet einzuführen, explizit abgelehnt. Während die Bush-Administration die Pläne der Telekom- und Kabelnetzbetreiber, Websites und Internetdienste großer Unternehmen rascher zum Endkunden zu transportieren („Next Generation Networks„), wohlwollend aufnahm, proklamiert Obama und Biden in diesem Papier als oberste Priorität die „Bewahrung der Offenheit des Internets„.

Protect the Openness of the Internet: A key reason the Internet has been such a success is because it is the most open network in history. It needs to stay that way. Barack Obama strongly supports the principle of network neutrality to preserve the benefits of open competition on the Internet.

Diese Absage an das Mehrgeschwindigkeitsnetz ist ein klares Signal im Interesse der Informations- und Meinungsfreiheit aller. So hat ein kleiner Blog, wie der meinige, zumindest im Hinblick auf die Transportgeschwindigkeit die gleiche Chance wie das Webportal eines großen Medienkonzerns!

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The Yes Men

Samstag, 15. November 2008 0:07

This guy’s just a garbage man. There ought to be limits to freedom. Of course I don’t appreciate it — and you wouldn’t either.
(George Walker Bush)

Not amused war der Herr Präsident, als er die Bekanntschaft mit „The Yes Men“ machte. Wobei, Bekanntschaft, wäre zu viel gesagt: Bush kannte die Kerle ja nicht, die für seine gefakte Website (http://www.gwbush.com) verantwortlich waren, auf der er während seines ersten Wahlkampfes im Jahre 2000 allerlei Bosheiten über sich selbst zu lesen bekam.

Schade, dass es diese Seite nicht mehr gibt; aber auch die jüngste Intervention von „The Yes Men“ kann sich sehen lassen: Letzten Mittwoch ließen sie eine täuschend ähnliche Sonderausgabe der New York Times in einer Auflage von 1,2 Millionen Exemplare in New York, Los Angeles, San Francisco, Chicago, Philadelphia und Washington von tausenden Helfern kostenlos verteilen. Die Ausgabe, datiert mit 4. Juli 2009, „Iraq War ends“ als Headline, nahm Barack Obamas Wahlkampfankündigungen ernst und imaginierte eine Welt ohne Guantánamo und mit Krankenversicherung für alle Amerikaner. Die mediale Intervention, die auch als Website existiert, ging rund um den Globus.

The Yes Men“ sind gewissermaßen digitale Situationisten, die den Herren der digitalen Ökonomie so manchen Streich spielen. Bekannt geworden sind sie im Jahre 1999, als sie die Website der Welthandelsorganisation (World Trade Organisation – WTO) nachbauten und darauf u.a. die Wiedeinführung der Sklaverei anregten – als wirksamste Strategie zur Bekämpfung der Armut in Afrika. Einige Jahre später im Jahre 2004, am 20. Jahrestag der Giftkatastrophe im indischen Bhopal, gab ein Mitglied des Kollektivs ein Interview für BBC World. Als Sprecher von Dow-Chemical kündigte er an, dass sein Unternehmen die Familien der Opfer der Chemiekatastrophe mit mehr als 12 Milliarden Dollar entschädigen werde. Die Aktionäre von Dow-Chemical schmissen die Nerven weg, der Kurs sackte kurzfristig dramatisch ab.

Im Web und auf Youtube sind weiter Aktionen der „Yes“-Männer dokumentiert.

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Obama, Bush and the Internet

Montag, 10. November 2008 20:49

Barack Obama hat die US-Präsidentschaftswahlen souverän gewonnen. Mit 53% der abgegebenen Stimmen hat er die ominöse 50%-Marke glatt genommen – im Unterschied zu fast allen anderen demokratischen Kandidaten seit 1945. Große Ausnahme: Lyndon B. Johnson, der im Jahre 1964 auf 61,1% der Stimmen gekommen ist. (Nach der Ermordung John F. Kennedys war der republikanische Gegenkandidat Barry Goldwater, ein erzreaktionärer Politiker, der auch innerhalb der Republikanischen Partei höchst umstritten war, nicht wirklich ein dem Zeitgeist entsprechendes Angebot an die Wählerinnen und Wähler).

Obama hat also einen Erdrutschsieg gelandet. Er hat seit Urzeiten republikanische Zonen, wie etwa die Südstaaten Virginia und North Carolina, umgedreht und sich in vielen traditionellen republikanischen Hochburgen mit John McCain ein „To Close to Call„-Match geliefert. McCain blieb ohne Chance.

Dass Obama jetzt Präsident der wichtigsten Macht der Welt wird, hat er aber auch einem anderen Republikaner zu verdanken, einem, der nicht mehr zur Wahl gestanden ist: Nämlich George Walker Bush, dem noch bis zum 20. Jänner 2009 amtierenden Präsidenten. Ich meine damit nicht die offensichtliche Tatsache, dass Bush bei der Mehrheit der Amerikaner völlig abgewirtschaftet hat, und dass er, als einer der politisch Verantwortlichen für die Finanz- und Wirtschaftskrise, den Niedergang der Republikaner mit verursacht hat. Das meine ich gar nicht – wiewohl das „It’s the economy, stupid„-Motiv den Wahlsieg Obamas entschieden hat, was alle Wahlanalysen eindeutig belegen.

Bush hat Obama dadurch erst ermöglicht, weil er als Präsident in seiner Amtszeit viele Regierungsstellen mit Nicht-Weißen Amerikanern und eine ganz zentrale Position mit Afroamerikanern besetzt hat: Nämlich das State Department, zunächst mit Colin Powell und dann mit Condoleezza Rice. Dadurch konnte sich das „weiße“, oftmals rassistische Amerika peu à peu mit dem Gedanken anfreunden, dass auch „Schwarze“ in den USA für höchste Regierungsämter in Frage kommen. Jedenfalls war nur eine knappe Mehrheit der „Weißen“ für McCain und nicht, wie noch vor kurzem befürchtet, die große Mehrheit.

Was dieser Sieg für Afroamerikaner bedeutet, die Obama zu nahezu 100% gewählt haben, kann nicht nur an den Freudentränen Jesse Jacksons nachempfunden werden, sondern auch an den Reaktionen auf Obamas Wahlsieg durch Condoleezza Rice und Colin Powell selbst, die nach dem Sieg Obamas fast geflennt hätten. Übrigens: Powell, der eine Wahlempfehlung für Obama abgegeben hat, könnte auch in Obamas Team eine wichtige Rolle spielen.

Obama verdankt seinen Sieg aber auch einer bislang nicht gekannten Einbindung des Internets in einen Wahlkampf. Via Website konnten unglaubliche Summen an Spenden lukriert werden, zumeist in Form von Kleinspenden, vielfach von Menschen, die noch nie für eine Partei einen Cent gegeben haben. Und dank Facebook, Twitter, MySpace und YouTube hat Obama Millionen von Unterstützern mobilisiert. Mit ein Grund dafür, dass Obama bei den Erstwählern (das waren auch viele „ältere“ Wählerinnen und Wähler, die sich erstmals für eine Wahl registrieren ließen) und den unter 30-Jährigen (66%) außergewöhnlich punkten konnte. All das erklärt, warum beinahe 2/3 aller Amerikaner zur Abstimmung gingen – so viele, wie seit mehr als 100 Jahren nicht mehr – und dabei stundenlange Wartezeiten in Kauf nahmen.

Und die Internetkampagne geht weiter: Auf der Website http://change.gov (Adressen mit der Endung „.gov“ bekommen nur Regierungseinrichtungen) werden seit letztem Freitag bis zur feierlichen Amtseinführung Obamas, am 20. Jänner 2009, News und Infos aus dem Obama-Lager veröffentlicht werden.

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Rechte kids

Mittwoch, 1. Oktober 2008 22:42

Das Wahlergebnis stellt die alte 1968-er Losung „traue Keinem über 30“ auf den Kopf: Die Jungen haben zu rund 28% für die FPÖ und zu etwa 14% für das BZÖ votiert. SPÖ und Grüne hingeben sind Mega-Out: zusammen schaffen sie läppische 30%. Das SORA-Institut ortet im Thema Integration/Zuwanderung das zentrale Motiv für das Wahlverhalten der Youngsters.

Klar, die Lage ist zum Kotzen. Die Vorstellung, dass im Parlament die rechten Dumpfbacken de facto die einzig wahrnehmbare Opposition bilden werden, ist schlicht und einfach unerträglich. Dennoch muss man bei allem Allarmismus mitdenken, dass HC Strache bei den Kids vorwiegend als popkulturelles Phänomen (man beachte die hohen Zugriffszahlen von Strache-Videos auf Youtube) mit Revoluzzer-Chique (StraCHE und Viva HC) reüssieren konnte. Und die FPÖ-Parolen („Asylbetrug heißt Heimatflug“) greifen auch deshalb, weil ihnen der Boden durch die „Partei der Mitte„, wie sich die ÖVP gerne selbst bezeichnet, aufbereitet wurde: Durch die jahrelange Koalition mit den Rechtsextremen und durch einen Wahlkampf, der mit widerlichen Anti-Ausländerparolen bestritten wurde. Jede Frage nach Migration oder Integration wurde von den Spitzenrepräsentanten der Volkspartei mit dem Verweis auf strengere Strafen gegen „Asylmissbrauch“ oder den „Rückgang bei der Zuerkennung von Aysl“ quittiert, und generell das „Integrationsthema“ dem „legitimen Sicherheitsbedürfnis„-Geschwafel unterworfen. Wie hat Robert Menasse so richtig festgestellt:

Objektiv feststellbar und 100-prozentig sicher ist, dass der Schüssel-Kurs für Österreich eine Katastrophe war und in der Fortsetzung eine noch größere Katastrophe geworden wäre. Es wäre jetzt furchtbar gewesen, mit einer durch die Wahlen bestätigten ÖVP in die kommenden Wirtschaftskrisen hineinzugehen. (…) Den Rechtsruck sehe ich weniger dramatisch, weil ich einfach nicht glauben kann und will, dass alle diese Wähler Rechtsextreme sind. Das heißt, man kann diese Wähler mit einer vernünftigen Politik dort auch wieder abholen. Und auf die wird es jetzt in den nächsten Jahren ankommen.

That’s it. Und eine vernünftige Politik wäre eine Politik, die sich um mehr Gerechtigkeit, um mehr sozialen Ausgleich in dieser Gesellschaft bemüht. Wenn jetzt ein neuer „Stil„, eine „bessere Kommunikation“ und das Vermeiden von „Streitereien“ eingemahnt werden, dann ist das zwar koalitionsklimatisch wichtig, aber ein politisches Konzept ist das freilich nicht. Die Wiener Philosophin Elisabeth Nemeth hat das in einem weisen Kommentar im Standard unterstrichen:

Es wäre eine verheerende Fehleinschätzung, wenn man glauben würde, nur der „Stil“ und „die Streitereien“ hätten die Wählerinnen und Wähler genervt. (…) Es geht um viel mehr als um einen anderen „Stil“. Es geht darum, eine andere Politik zu machen als die, die dazu geführt hat, dass das Einkommen eines großen Teils der österreichischen Haushalte seit 1999 stagniert hat. Ist es ein Wunder, dass die Menschen, die merken, dass es für sie immer enger wird, dem Euro die Schuld zuschieben? Und es als Zynismus erleben, wenn ihnen gesagt wird, Österreich sei das Land, das am meisten von der EU-Erweiterung profitiert hat? (…) Die Menschen glauben nicht mehr, dass es an der Logik des Marktes liegt, wenn politische Bedingungen geschaffen werden, unter denen einer kleinen Minderheit immer unvorstellbarere Mengen an Geld zugeschaufelt werden. Und sie werden wütend, wenn im achtreichsten Land der Welt – oder ist Österreich inzwischen noch weiter vorgerückt? – der Staat angeblich kein Geld mehr hat für Bildung, Gesundheit, Umwelt und das Sozialsystem.

Aber genau darin bestand die Politik von Schüssel-Bartenstein-Molterer, eine Politik, die 2006 abgewählt und unter einem SPÖ-Bundeskanzler – mit Abstrichen – weiter geführt wurde, ja, werden musste, weil überall dort, wo die SPÖ versucht hat, Gerechtigkeitsmarkierungen zu setzen, ihr von der ÖVP ein ignorantes „Geht’s Scheißen“ zugerufen wurde.

Das gesamte Beschäftigungswachstum in den letzten 10 Jahren ist auf den Anstieg der Teilzeitbeschäftigung und prekärer Beschäftigungsformen zurückzuführen. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten unter den unselbstständig Beschäftigten hat sich von 1996 bis 2006 von 420.000 auf über 750.000 deutlich erhöht, ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung ist von 14% auf 23% angestiegen (von 28% auf 43% bei den Frauen).“ (Studie des Sozialministeriums, Die Verteilung der Lebenschancen in Österreich)

Viele Menschen, die in „Hire and Fire„-Jobs gefangen sind, fühlen sich durch die Zuwanderung bedroht – und etliche sind es auch. In manchen Lehrberufen und Schulklassen sind „Österreicher“ in der Minderheit. Das kränkt und macht wütend! Was passiert in den Schulen? Symptombehandlungen. Schulen werden mit Unterrichtsbeginn versperrt. Wer verschlafen hat, steht vor verschlossenen Pforten. Nur wenn sich der Schulwart herablässt, darf der Zuspätkommende in den Pausen die Schule betreten. Warum das so ist? Damit keine „schulfremden Elemente“ (gemeint sind damit Schulabbrecher mit Migrationshintergrund, die keine Lehrstelle finden und in den nahegelegenen Parks abhängen) in die Schule kommen. Sie könnten ja etwas klauen oder irgendwas kaputtschlagen. Dass man mit solchen absurden Disziplinarmaßnahmen lediglich die Vorurteile der „inländischen Kids“ bestärkt, die auf negativen Erfahrungen im Umgang mit einzelnen Migranten fußen, ist den Schulbehörden wohl nicht einmal bewusst. Aber, wenn dann die einfachen Parolen der Hetzer verfangen, stöhnen sie alle entsetzt auf. Wenn diese Nicht-Politik weiter betrieben wird und die Kids lediglich als „dumm und rassistisch“ punziert werden, dann kann Strache für die Wiener Wahlen den Champagner schon kühlen.

Das Wahlverhalten ist vor allem Ausdruck einer völlig verfehlten Bildungspolitik (Gehrer!) und einer mutlosen Integrations- und Migrationspolitik. Während die Sozialdemokratie, das Wenige, das sie in diesem Bereich tut, am Liebsten verheimlichen würde, hängen die grünen Gutmenschen einem umgekehrten Rassismus an, indem sie in jedem Migranten völlig undifferenziert eine „Bereicherung“ für die Gesamtgesellschaft sehen wollen, und propagieren mit Multikulti-Festen gegen Rassismus in den Studentenbezirken der Innenstadt selbstgefällig Offenheit und Toleranz, während die Rechten in den Migrantenbezirken der Vorstädte und in den Gemeindebauten ihrer Hetze unwidersprochen nachgehen. Die mutlosen Schweiger und die lächerlichen Toleranz-Clowns treiben den Rechten erst recht die WählerInnen zu.

Mutig hingegen wäre eine Politik, die die Probleme des tagtäglichen Zusammenlebens nicht mit Toleranzgewäsch unter den Tisch kehrt, sondern ernst nimmt. Das heißt aber auch: Mehr Geld in die Hand nehmen, und zwar viel mehr Geld, vor allem für die öffentlichen Bildungseinrichtungen! Geld für die Ausbildung und Anstellung von mehr Pädagogen, von Betreuungs- und Integrationslehrern mit Migrationshintergrund. Geld auch für mehr Polizisten, die braucht es nämlich auch. Auch hier: Möglichst viele mit Migrationshintergrund, weil die Kids der zweiten und dritten Zuwanderergeneration Role-Models brauchen, die ihnen signalisieren: Schaut her, ihr könnt es schaffen! Role-Models zugleich aber auch für die verunsicherten Alten, die sich nicht mehr in die Parks trauen, weil die Migranten-Cops ihnen auch ein reales Bild vom anderen „Ausländer„, vom „Beschützer„-Ausländer, in ihre Angstwelt bringen. (Die Wiener Polizei hat das endlich erkannt, und bildet jetzt Polizisten mit Migrationshintergrund aus! Wann wird endlich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner gesellschaftspolitischen Verpflichtung nachkommen, und – so wie in Deutschland ARD und ZDF – ModeratorInnen mit Migrationshintergrund anstellen?) Mutig wäre überdies eine Politik, die gemeinsam mit den diversen Ausländervereinen Strategien entwickelt, wie man das Zusammenleben konfliktfreier gestalten könnte, wie man speziell Frauen in Deutschkurse bringen kann, damit sie wenigstens zeitweilig aus der anatolischen Enge in den Zuwandererbezirken ausbrechen und zugleich die Sprache des Aufnahmelandes erlernen können. …

Wirklich greifen können alle diese Maßnahmen nur dann, wenn zugleich eine Steuerreform durchgeführt wird, die die ärgsten Ungleichheiten im jetztigen System behebt und, man kann ja davon träumen, mit europaweit einmaligen Absurditäten, wie etwa dem 13. und 14. Gehalt, dessen Steuerschonung zu einer extremen Bevorzugung höherer Einkommen beiträgt, aufräumt. Jedenfalls haben angesichts der gegenwärtigen globalen Wirtschaftskrise die „Weniger Staat, mehr Privat„-Proponenten, zumindest bis auf weiteres, einmal Pause. Dieses „Window of opportunity“ sollte man nutzen. Nicht nur in Österreich sondern in ganz Europa!

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Wahlhilfe

Mittwoch, 27. August 2008 18:23

Soll zur Armutsbekämpfung in Österreich Vermögen höher besteuert werden?
Sollen straffällige Personen ohne österreichische Staatsbürgerschaft unabhängig von ihrer bisherigen Aufenthaltsdauer abgeschoben werden?
Soll in Österreich die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen (Gesamtschule) eingeführt werden?
Soll Kunst, die gesellschaftlich polarisiert, mit staatlichen Mitteln gefördert werden?

Vier von insgesamt 26 Fragen, die sich auf der Wahlkabine.at finden und die mit Ja/Nein/Keine Angabe beantworten werden können. Zugleich kann man auch angeben, welchen Stellenwert man dem jeweiligen Thema beimisst. In Form eines automatisierten Verfahrens werden sodann die gegebenen Antworten mit den Standpunkten der Parteien (SPÖ, ÖVP, Grüne, FPÖ, BZÖ, LIF, KPÖ) verglichen, wobei auch die Bedeutung des Themas für diese Parteien berücksichtigt wird. Das Ergebnis zeigt somit nicht nur den Grad der Übereinstimmung mit einer Parteilinie, sondern auch die Distanz zu den jeweils anderen.

Ein interessantes Spiel, dessen Detailergebnisse für Überraschung sorgen können. Wer dann noch nicht genug vom politischen Fragespiel hat, kann sich auch den 25 Fragen der Politikkabine.at stellen.

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Back to the roots

Dienstag, 5. August 2008 18:15

Am 10. Oktober 2007 hat die britische Band Radiohead ihr Album „In Rainbows“ über die eigene Website im MP3-Format zum Download angeboten – die CD kam erst Ende des Jahres in den Handel. Die Musikfreunde konnten selbst entscheiden, ob sie für das Album zahlen wollten oder nicht, und 62% aller Downloader nahmen das Geschenk dankend an. Einzige Bedingung für den Download war die Bekanntgabe einer Email-Adresse. Trotz dieser „legalen“ Downloadmöglichkeit ist „In Rainbows“ an eben diesem 10. Oktober über 400.000 Mal über die P2P-Software BitTorrent gesaugt worden. Drei Wochen später bereits über 2,3 Millionen Mal.

Dennoch hat sich der ungewöhnliche Schritt für die Band bezahlt gemacht: Radiohead verfügt seither über rund 1,2 Millionen Emailadressen, so oft wurde das Album von der Radiohead-Website heruntergeladen, deren Inhaber mit regelmäßigen Band- und Fan-News gefüttert werden, und dank der weltweiten Aufmerksamkeit für den Werbe-Coup war die folgende Konzerttournee restlos ausverkauft. Auch das kurz vor Weihnachten in den Handel gekommene Radiohead-Box-Set fand beachtlichen Absatz.

Zu diesem Befund kommt eine Studie, die im Auftrag der britischen Verwertungsgesellschaft MCPS-PRS vom Marktforschungsunternehmen Big Champagne durchgeführt wurde, und die als vorweggenommener Nekrolog auf die Musikindustrie gelesen werden kann, weil sie exemplarisch aufzeigt, dass die aus der analogen Welt stammenden Geschäftsmodelle der Musikindustrie im digitalen Kontext verschwinden werden. Daher sind auch alle strategischen Überlegungen der Musikindustrie, deren Fortbestand zu sichern – Wenn wir legale Downloadangebote offerieren und gleichzeitig den Strafverfolgungsdruck auf P2P-User erhöhen, dann können wir sowohl die Nutzung von Tauschbörsen eindämmen als auch die legalen Angebote ankurbeln -, zum Scheitern verurteilt.

Frequently, music industry professionals suggest that an increase in legitimate sales must necessarily coincide with a commensurate reduction in piracy, as if this were a fact. Yet, the company Big Champagne has made no such consistent observation in nearly a decade of analysing these data. Rather, it finds that piracy rates follow awareness and interest. In other words, if you do a good job cultivating a legitimate sales story, you must also expect a similar up-tick in grey market activity. The biggest selling albums and songs are nearly always the most widely-pirated, regardless of all the ‚anti-piracy‘ tactics employed by music companies.

Die Digitalisierung kehrt die bisherige Entwicklung im Musikbusiness gewissermaßen um, indem sie die Branche in die Vor-Tonträger-Ära zurück schleudert, in jene Zeit also, in der Musik von den meisten Menschen via Radio gehört werden konnte und die Radiostationen mit Live-Übertragungen von Big Band-Konzerten, für die sie den Musikern Honorare zu bezahlen hatten, ihre Programme bestritten. Das, was heute als Exklusiv-Event von TV- und Radiostationen vermarktet wird, etwa Live-Übertragungen von Opern- und Konzertübertragungen, war damals die Norm. Während des Zweiten Weltkrieges begannen die US-amerikanischen Radiostationen massenhaft Schallplatten zu spielen, sodass die American Federation of Musicans maschinenstürmerisch für einen Boykott der Schallplattenaufnahmen eintrat, befürchtete sie doch, die Musiker würden ihre Jobs verlieren. Die Gewerkschaft verlangte Ausgleichshonorare von den Plattenfirmen und bedrängte Nachtclubs, keine Jukeboxes mehr aufzustellen. Wenngleich die Radiostationen zwei Jahre lang fast nur Schallplatten spielen konnten, die vor dem Boykott gepresst wurden, und die Gewerkschaft mit den Labels eine Abgeltung aushandeln konnte, die Versuche, den ökonomischen und technologischen Fortschritt aufzuhalten, waren nutzlos – wie immer in der Geschichte.

In einer Welt der Tauschbörsen werden Musik-Verkaufsmodelle, egal ob Tonträger oder Download, a la longue obsolet. Wer mit Musik Geld verdienen will, sollte sie einfach verschenken, um Aufmerksamkeit für Live-Konzerte zu generieren.

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64 Cent

Montag, 4. August 2008 16:27

Wer sich über das Urheberrecht ausführlich informieren möchte, sollte unbedingt das ausgezeichnete Dossier zu diesem Thema auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung (vgl. dazu auch hier) besuchen.

Nun ahnte man ja, dass der Urheber bzw. Künstler am Verkauf seiner CD oder am legalen Download seines Albums nicht gerade berauschend verdienen dürfte; dass es aber lediglich 4% vom Kaufpreis sind, also bei einem CD-Kaufpreis von 15,99 Euro gerundete 64 Cent, hätte man dann doch nicht erwartet. Den höchsten Anteil, rund ein Drittel (knappe 5 Euro), streift das Label ein, das dann „im Interesse und zum Wohle der Künstler“ gegen die P2P-Nutzer vorgeht.

Als ich mir die Liste mit jenen Interpreten angesehen habe, die seit 1990 in Österreich die meisten Tonträger verkauft haben, wurde meine Überraschung noch größer, weil ich eigentlich von wesentlich höheren Verkaufszahlen ausgegangen bin. Spitzenreiter ist demnach Herbert Grönemeyer, der für sein Album „Mensch“ 8-fach Platin erhalten hat, das heißt, von der CD sind 160.000 Stück verkauft worden. An zweiter Stelle rangiert die Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) mit ihrer „Geld oder Leben„-CD, die immerhin noch 5-fach Platin (100.000 verkaufte CDs) bekam. Christina Stürmer liegt mit „Freier Fall“ an dritter Stelle. Die Scheibe erhielt 4-fach Platin, folglich sind über 80.000 Stück verkauft worden. Dann folgen einige Interpreten mit knapp 40.000 verkauften CDs. Die meisten Musiker aber, wie etwa Wolfgang Ambros, müssen froh sein, wenn sie von ihren Alben zwischen 10.000 und 20.000 Stück absetzen. Klarerweise haben Super-Acts wie Herbert Grönemeyer eigene Verträge mit den Labels, die ihnen wesentlich mehr Geld garantieren; aber das Gros der Musikschaffenden kann nicht vom CD-Verkaufserlös leben, sondern muss das Geld durch Live-Konzerte und Tourneen verdienen.

Mit dem Urheberecht bzw. mit der Suche nach anderen Vergütungsmöglichkeiten für Künstler und Interpreten im digitalen Kapitalismus wird sich übrigens auch das diesjährige Ars Electronica Festival (4. bis 9. September) in Linz beschäftigen.

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Good News

Dienstag, 8. Juli 2008 18:38

Das Europäische Parlament respektive eine Mehrheit von Parlamentariern der beiden Ausschüsse, die für die Behandlung des Telekom-Richtlinienpakets (Anpassung von insgesamt fünf Richtlinien, mit denen der Markt für elektronische Kommunikationen innerhalb der Europäischen Union neu geregelt werden soll) zuständig sind, haben dem Vorhaben, Internet-Sperren nach französischem Modell in der Europäischen Union einzuführen, eine – zumindest vorläufige – Absage erteilt! Vorläufig deshalb, weil die Abstimmung zum Telekom-Richtlinienpaket im Plenum des Europäischen Parlaments erst im September stattfinden wird. Dennoch: Ein wichtiger Etappensieg!

Was war geplant? In einer konzertierten Aktion wollten internationale Medienkonzerne und ihnen nahestehende Abgeordnete eine EU-weite Filterung des Internets erwirken. Über etliche Textabänderungen zum Vorschlag der Europäischen Kommission zum Telekom-Richtlinienpaket sollten die Internet Provider dazu verpflichtet werden, den gesamten Internet Traffic permanent zu kontrollieren und den Zugang von Usern, die Urheberrechtsverstöße begehen, zu kappen, um nicht von der Medienindustrie systematisch geklagt zu werden (vgl. dazu auch das Interview mit der Politikwissenschaftlerin Monica Horten auf der ORF-Futurezone und ihre Einwände gegen diese Vorhaben, sowie die Websites der französischen Netzaktivisten La Quadrature du Net und die Blogger von Netzpolitik, deren Website ich in meine Linkliste aufgenommen habe).

Erich Möchel von der ORF-Futurezone hat die Tragweite der geplanten Vorhaben auf den Punkt gebracht:

„Dabei geht es nicht einfach um Filesharer, die nicht lizenzierte Mediendateien tauschen. Der gesamte Datenverkehr im Netz soll systematisch und vollautomatisch überwacht werden. Das hat auch unmittelbare Auswirkungen auf die Datenübermittlung von Firmen, auf den E-Commerce und E-Government. Einem total überwachten Netz ist nicht mehr zu trauen.“

Übrigens: Auch alle österreichischen EU-Abgeordneten von SPÖ, ÖVP und Grünen, haben sich gegen diese Vorhaben ausgesprochen.

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Slow train coming

Samstag, 31. Mai 2008 17:19

In einem in mehreren deutschen Tageszeitungen kürzlich veröffentlichten Offenen Brief an die deutsche Bundeskanzlerin fordern deutsche Musiker, Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller und Verleger staatliche Interventionen, um „gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln“.

Dahinter verbirgt sich nichts anderes, als die Forderung nach gesetzlichen Maßnahmen gegen Tauschbörsen-Nutzer wie es sie etwa in den USA und Australien gibt und ab Anfang 2009 auch in Frankreich geben soll: Internet-Provider sind verpflichtet, Nutzern von Tauschbörsen, denen Verstöße gegen das Copyright-Regime nachgewiesen werden können, den Netzzugang zu kappen.

Dazu passt auch, dass die Europäische Kommission mit US-Behörden ein neues Abkommen verhandelt (Anti-Counterfeiting Trade Agreement – ACTA), das sich nicht nur gegen Produkt- und Markenpiraterie richtet, sondern auch die so genannte Internet-Piraterie einschließt und auf einem der nächsten G8-Gipfel bis Jahresende verabschiedet werden soll. Sollte ACTA beschlossen werden, könnten Behörden verdachtsunabhängig und routinemäßig Laptops, MP3-Player oder Handys auf Downloads durchsuchen, weil dann der Upload / Download von Copyright geschützten Filmen oder Songs kein einfaches Vergehen mehr wäre, sondern ein strafrechtlicher Tatbestand. (vgl. dazu den Artikel von Erich Möchel auf der ORF-Futurezone)

Wiewohl der CD-Verkauf weltweit nach wie vor rund 80% der Umsätze der Musikwirtschaft ausmacht, lösen in manchen Ländern die digitalen Geschäftsmodelle die analogen bereits ab: So werden in Japan mehr Einnahmen aus dem Verkauf von Song- und Alben-Downloads und Klingeltönen lukriert als aus dem CD-Verkauf. Ein kurioses Detail am Rande: 56% aller in Italien im Online-Bereich erzielten Umsätze entfallen auf den Download von Handy-Klingeltönen. Auch der Digital Music Report 2008, der vom weltweiten Verband der Musikwirtschaft (IFPI) herausgegeben wird, feiert die Zuwächse im Online Geschäft euphorisch: „In the US, only five years after the commercial music download business first emerged, 30 per cent of all recorded music sold is online or mobile.” Und weltweit existieren etwa 500 Online-Musikshops; selbst in Österreich kann Musik von 12 Anbietern (z.B. iTunes, AonMusicDownload, Libro, eMusic, MSN Music, Soulseduction) bezogen wrden. Tendenz: stark steigend.

Was im IFPI-Report aber vor allem auffällt, ist der Frontalangriff gegen die Peer-To-Peer-Technologie als solche, die, wie der Report süffisant vermerkt, nur von rund 20% aller Internet-User genutzt werde, aber 80% des gesamten weltweiten Internet-Traffics verursache.

„P2P usage is having a significant impact on internet traffic. P2P networks are producing more internet traffic than all other applications combined and this could impact ISP (Internet Service Providers) infrastructures, damaging consumers’ internet experience.“

Die Argumentation richtet sich an die Internet Service Provider, die im Grunde kein Geschäftsinteresse an der Kriminalisierung der Kunden ihrer Breitbandnetze haben können. Vor dem Hintergrund der so genannten Next Generation Networks, die gegenwärtig aufgebaut und den Infrastrukturbetreibern die technische Möglichkeit einräumen werden, den Internet-Traffic dem Inhalt nach zu steuern (= Expressbeförderung für Google oder eBay, Regionalzüge für private Blogs), wird das Kalkül der Argumentation der Musik- und Filmindustrie verständlich: Wenn die Provider die Tauschbörsen-Nutzung nicht gänzlich unterbinden wollen, dann sollen sie wenigstens den Traffic drosseln.

Aus ökonomischem Interesse werden die Provider dieser Forderung ohnehin nachkommen: Damit von Google oder anderen großen Playern für die Expresszustellung auch ordentlich kassiert werden kann, muss man diesen freie ( = bereinigte) Leitungen anbieten können: File-Sharer sind somit aus ökonomischen Gründen ein Störfaktor, die auf Nebengeleise umgeleitet werden, damit der Google-Express ungestört durchzischen kann.

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