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Hohe Warte

Donnerstag, 4. Dezember 2008 21:46

Ein Gustostückerl aus Willkommen Österreich von letzter Woche: Hermes zu Besuch in der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodyamik („Hohe Warte„), und der „einschlägige Anruf“ mit dem abschließenden „ich bitte das, an die Hohe Warte weiterzugeben„.

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Nachtrag zu Haider

Sonntag, 26. Oktober 2008 0:51

In einer seiner Kolumnen im Standard zitiert Hans Rauscher eine Aussage des neuen Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler aus dem Jahre 2006 zum Ortstafelurteil des Verfassungsgerichtshofes:

Der Rechtsstaat ist das eine, und ein gesundes Volksempfinden das andere – und ich glaube, ich habe ein gesundes Volksempfinden.

In einem Profil-Interview aus dem heurigen Jahr geht Dörfler nochmals auf diese Aussage ein:

Dafür habe ich mich entschuldigt. Ich wusste nicht, dass der Spruch aus der NS-Zeit stammt. Ich habe mich mit dem Nationalsozialismus nie beschäftigt. In der Schule und in der Familie war es nie ein vorrangiges Thema. Und danach haben sich für mich andere Fragen gestellt. Ich habe wenig Wissen über die Nazi-Zeit. Aber ich verurteile alle Gräueltaten, egal, von wem sie begangen wurden.

Am 25. April 2001 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Kommentar von Eva Menasse, den ich hier in einem längeren Auszug wiedergebe, weil er an Aktualität nicht zu überbieten ist:

Seit je unterstellt man der österreichischen Gesellschaft mit einigem Recht, sie sei für Ressentiment und Antisemitismus durchlässiger als etwa die bundesdeutsche. Eine Grauzone von schickem Vorurteil und augenzwinkerndem Rassismus durchwächst elastisch alle Schichten. Was sich gehört und was schon lange nicht mehr, wurde nie verbindlich festgelegt in diesem Land. Eher wurde es seit Waldheim in einer Art Trial-and-error-Spiel „erlernt“, und es waren die Reaktionen aus dem Ausland, die als der Kuhzaun wirkten, der bei versuchter Grenzüberschreitung Stromschläge verteilt. Als schlimmster Vorwurf gilt in Österreich hingegen, „keinen Spaß zu verstehen“. Von der „Dämonie der Gemütlichkeit“ schrieb einst Hilde Spiel. Diese Dämonie nimmt in letzter Zeit beträchtlich zu, die sogenannten Späße, die sogenannten Mißverständnisse.
(…)
Ein FPÖ-Funktionär ehrt langjährige Parteimitglieder mit dem Satz „Unsere Ehre heißt Treue“? Oh, er hatte keine Ahnung, daß es sich um den Leitspruch der Waffen-SS handelt! Er entschuldigt sich betreten, und alles ist wieder gut.
(…)
Ein Land voller Unschuldslämmer eben, die von allen Fettnäpfen immer ausgerechnet in die braunen treten. Dabei wäre allein ihre ostentativ herausgekehrte Geschichtsunwissenheit bereits Provokation genug. Am Aschermittwoch stellte Jörg Haider, mit Bezug auf den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, die rhetorische Frage, wie jemand, der „so viel Dreck am Stecken“ habe, ausgerechnet Ariel heißen könne. Sein Publikum johlte. Dreck am Stecken, Drecksau, Saujud; Ariel, Waschmittel, Säuberung, Seife – aber solche bösen Assoziationen werden ja angeblich nur von den hysterischen „Gutmenschen“ hergestellt. Jörg Haider hält seine Wortwahl für „notwendige politische Diskussion“: Es dürfe nicht verboten sein, „jemanden zu kritisieren, der sich in einer schwierigen Lage im Ausland negativ über Österreich geäußert hat“, noch dazu einer, „der einmal zugewandert ist und dem Österreich eine friedliche Heimat geworden ist“. Jude, heimatloser Geselle, undankbarer Vaterlandsverräter – ein antisemitisches Stereotyp ist beinahe zu hundert Prozent erfüllt, doch Haider und sein Publikum können es vor lauter Lachen einfach nicht erkennen, genauso wie viele Kommentatoren das noch immer nicht für eindeutig genug hielten, um sich zum Protest aufzuschwingen. Wo beginnt eigentlich der Antisemitismus, der öffentlich auch als solcher begriffen wird? Vermutlich erst, wenn Juden körperlich attackiert werden.

Im CLUB 2 vom Mittwoch dieser Woche zum Thema Mythos Haider, an dem – neben Hans Rauscher und Eva Menasse – unter anderen auch Walter Meischberger, Weggefährte Haiders, Mitglied der so genannten Buberlpartie und ehemaliger FPÖ-Generalsekretär, teilgenommen hat, wurde die Assoziationskette, die Eva Menasse im Zusammenhang mit den Haider-Auslassungen über Ariel Muzicant in ihrem Kommentar so präzise offengelegt hat, zitiert – und zwar von Meischberger, der diese Textstelle vorlas; als Beleg dafür, dass die „veröffentlichte Meinung“ ständig „dem Jörg“ alles mögliche „andichtete„, wie er hervorhob. Der Autorin warf er vor, „schändlich“ agiert zu haben, habe „der Jörg“ doch nie und nimmer „Drecksau, Saujud“ gesagt, sondern lediglich einen Scherz gemacht – einen nicht besonders guten zwar, der ihm, so Meischberger, „nie über die Lippen käme„, aber, „so war er halt, der Jörg„.

Hans Rauscher („Passen’s auf, was Sie sagen, Herr Meischberger, sie reden sich gerade um Kopf und Kragen„) und Eva Menasse („Ja haben Sie denn keine Ahnung von Bedeutungsketten?„) wollten und konnten nicht glauben, was sie da hörten. Ist Meischberger, der hier stellvertretend für alle Dumpfbacken steht, wirklich so blöde, oder leistet er sich diese ignorante Position, weil er darauf vertrauen kann, dass dieses niederträchtige Wortspiel von der überwiegenden Mehrheit sehr wohl so „verstanden“ wurde, wie von Eva Menasse weitergedacht, aber lediglich bei einer vernachlässigbaren Minderheit auf empörte Ablehnung stößt, bei der „schweigenden Mehrheit“ getreu dem Motto „War ja eh nur a Gaudi“ hingegen achselzuckend zur Kenntnis genommen wird?

Ich weiß es nicht. Mir wurde nur wieder einmal klar, dass es absolut sinnlos ist mit Dumpfbacken derartige Diskussionen zu führen.

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Rechte kids

Mittwoch, 1. Oktober 2008 22:42

Das Wahlergebnis stellt die alte 1968-er Losung „traue Keinem über 30“ auf den Kopf: Die Jungen haben zu rund 28% für die FPÖ und zu etwa 14% für das BZÖ votiert. SPÖ und Grüne hingeben sind Mega-Out: zusammen schaffen sie läppische 30%. Das SORA-Institut ortet im Thema Integration/Zuwanderung das zentrale Motiv für das Wahlverhalten der Youngsters.

Klar, die Lage ist zum Kotzen. Die Vorstellung, dass im Parlament die rechten Dumpfbacken de facto die einzig wahrnehmbare Opposition bilden werden, ist schlicht und einfach unerträglich. Dennoch muss man bei allem Allarmismus mitdenken, dass HC Strache bei den Kids vorwiegend als popkulturelles Phänomen (man beachte die hohen Zugriffszahlen von Strache-Videos auf Youtube) mit Revoluzzer-Chique (StraCHE und Viva HC) reüssieren konnte. Und die FPÖ-Parolen („Asylbetrug heißt Heimatflug“) greifen auch deshalb, weil ihnen der Boden durch die „Partei der Mitte„, wie sich die ÖVP gerne selbst bezeichnet, aufbereitet wurde: Durch die jahrelange Koalition mit den Rechtsextremen und durch einen Wahlkampf, der mit widerlichen Anti-Ausländerparolen bestritten wurde. Jede Frage nach Migration oder Integration wurde von den Spitzenrepräsentanten der Volkspartei mit dem Verweis auf strengere Strafen gegen „Asylmissbrauch“ oder den „Rückgang bei der Zuerkennung von Aysl“ quittiert, und generell das „Integrationsthema“ dem „legitimen Sicherheitsbedürfnis„-Geschwafel unterworfen. Wie hat Robert Menasse so richtig festgestellt:

Objektiv feststellbar und 100-prozentig sicher ist, dass der Schüssel-Kurs für Österreich eine Katastrophe war und in der Fortsetzung eine noch größere Katastrophe geworden wäre. Es wäre jetzt furchtbar gewesen, mit einer durch die Wahlen bestätigten ÖVP in die kommenden Wirtschaftskrisen hineinzugehen. (…) Den Rechtsruck sehe ich weniger dramatisch, weil ich einfach nicht glauben kann und will, dass alle diese Wähler Rechtsextreme sind. Das heißt, man kann diese Wähler mit einer vernünftigen Politik dort auch wieder abholen. Und auf die wird es jetzt in den nächsten Jahren ankommen.

That’s it. Und eine vernünftige Politik wäre eine Politik, die sich um mehr Gerechtigkeit, um mehr sozialen Ausgleich in dieser Gesellschaft bemüht. Wenn jetzt ein neuer „Stil„, eine „bessere Kommunikation“ und das Vermeiden von „Streitereien“ eingemahnt werden, dann ist das zwar koalitionsklimatisch wichtig, aber ein politisches Konzept ist das freilich nicht. Die Wiener Philosophin Elisabeth Nemeth hat das in einem weisen Kommentar im Standard unterstrichen:

Es wäre eine verheerende Fehleinschätzung, wenn man glauben würde, nur der „Stil“ und „die Streitereien“ hätten die Wählerinnen und Wähler genervt. (…) Es geht um viel mehr als um einen anderen „Stil“. Es geht darum, eine andere Politik zu machen als die, die dazu geführt hat, dass das Einkommen eines großen Teils der österreichischen Haushalte seit 1999 stagniert hat. Ist es ein Wunder, dass die Menschen, die merken, dass es für sie immer enger wird, dem Euro die Schuld zuschieben? Und es als Zynismus erleben, wenn ihnen gesagt wird, Österreich sei das Land, das am meisten von der EU-Erweiterung profitiert hat? (…) Die Menschen glauben nicht mehr, dass es an der Logik des Marktes liegt, wenn politische Bedingungen geschaffen werden, unter denen einer kleinen Minderheit immer unvorstellbarere Mengen an Geld zugeschaufelt werden. Und sie werden wütend, wenn im achtreichsten Land der Welt – oder ist Österreich inzwischen noch weiter vorgerückt? – der Staat angeblich kein Geld mehr hat für Bildung, Gesundheit, Umwelt und das Sozialsystem.

Aber genau darin bestand die Politik von Schüssel-Bartenstein-Molterer, eine Politik, die 2006 abgewählt und unter einem SPÖ-Bundeskanzler – mit Abstrichen – weiter geführt wurde, ja, werden musste, weil überall dort, wo die SPÖ versucht hat, Gerechtigkeitsmarkierungen zu setzen, ihr von der ÖVP ein ignorantes „Geht’s Scheißen“ zugerufen wurde.

Das gesamte Beschäftigungswachstum in den letzten 10 Jahren ist auf den Anstieg der Teilzeitbeschäftigung und prekärer Beschäftigungsformen zurückzuführen. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten unter den unselbstständig Beschäftigten hat sich von 1996 bis 2006 von 420.000 auf über 750.000 deutlich erhöht, ihr Anteil an der Gesamtbeschäftigung ist von 14% auf 23% angestiegen (von 28% auf 43% bei den Frauen).“ (Studie des Sozialministeriums, Die Verteilung der Lebenschancen in Österreich)

Viele Menschen, die in „Hire and Fire„-Jobs gefangen sind, fühlen sich durch die Zuwanderung bedroht – und etliche sind es auch. In manchen Lehrberufen und Schulklassen sind „Österreicher“ in der Minderheit. Das kränkt und macht wütend! Was passiert in den Schulen? Symptombehandlungen. Schulen werden mit Unterrichtsbeginn versperrt. Wer verschlafen hat, steht vor verschlossenen Pforten. Nur wenn sich der Schulwart herablässt, darf der Zuspätkommende in den Pausen die Schule betreten. Warum das so ist? Damit keine „schulfremden Elemente“ (gemeint sind damit Schulabbrecher mit Migrationshintergrund, die keine Lehrstelle finden und in den nahegelegenen Parks abhängen) in die Schule kommen. Sie könnten ja etwas klauen oder irgendwas kaputtschlagen. Dass man mit solchen absurden Disziplinarmaßnahmen lediglich die Vorurteile der „inländischen Kids“ bestärkt, die auf negativen Erfahrungen im Umgang mit einzelnen Migranten fußen, ist den Schulbehörden wohl nicht einmal bewusst. Aber, wenn dann die einfachen Parolen der Hetzer verfangen, stöhnen sie alle entsetzt auf. Wenn diese Nicht-Politik weiter betrieben wird und die Kids lediglich als „dumm und rassistisch“ punziert werden, dann kann Strache für die Wiener Wahlen den Champagner schon kühlen.

Das Wahlverhalten ist vor allem Ausdruck einer völlig verfehlten Bildungspolitik (Gehrer!) und einer mutlosen Integrations- und Migrationspolitik. Während die Sozialdemokratie, das Wenige, das sie in diesem Bereich tut, am Liebsten verheimlichen würde, hängen die grünen Gutmenschen einem umgekehrten Rassismus an, indem sie in jedem Migranten völlig undifferenziert eine „Bereicherung“ für die Gesamtgesellschaft sehen wollen, und propagieren mit Multikulti-Festen gegen Rassismus in den Studentenbezirken der Innenstadt selbstgefällig Offenheit und Toleranz, während die Rechten in den Migrantenbezirken der Vorstädte und in den Gemeindebauten ihrer Hetze unwidersprochen nachgehen. Die mutlosen Schweiger und die lächerlichen Toleranz-Clowns treiben den Rechten erst recht die WählerInnen zu.

Mutig hingegen wäre eine Politik, die die Probleme des tagtäglichen Zusammenlebens nicht mit Toleranzgewäsch unter den Tisch kehrt, sondern ernst nimmt. Das heißt aber auch: Mehr Geld in die Hand nehmen, und zwar viel mehr Geld, vor allem für die öffentlichen Bildungseinrichtungen! Geld für die Ausbildung und Anstellung von mehr Pädagogen, von Betreuungs- und Integrationslehrern mit Migrationshintergrund. Geld auch für mehr Polizisten, die braucht es nämlich auch. Auch hier: Möglichst viele mit Migrationshintergrund, weil die Kids der zweiten und dritten Zuwanderergeneration Role-Models brauchen, die ihnen signalisieren: Schaut her, ihr könnt es schaffen! Role-Models zugleich aber auch für die verunsicherten Alten, die sich nicht mehr in die Parks trauen, weil die Migranten-Cops ihnen auch ein reales Bild vom anderen „Ausländer„, vom „Beschützer„-Ausländer, in ihre Angstwelt bringen. (Die Wiener Polizei hat das endlich erkannt, und bildet jetzt Polizisten mit Migrationshintergrund aus! Wann wird endlich auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk seiner gesellschaftspolitischen Verpflichtung nachkommen, und – so wie in Deutschland ARD und ZDF – ModeratorInnen mit Migrationshintergrund anstellen?) Mutig wäre überdies eine Politik, die gemeinsam mit den diversen Ausländervereinen Strategien entwickelt, wie man das Zusammenleben konfliktfreier gestalten könnte, wie man speziell Frauen in Deutschkurse bringen kann, damit sie wenigstens zeitweilig aus der anatolischen Enge in den Zuwandererbezirken ausbrechen und zugleich die Sprache des Aufnahmelandes erlernen können. …

Wirklich greifen können alle diese Maßnahmen nur dann, wenn zugleich eine Steuerreform durchgeführt wird, die die ärgsten Ungleichheiten im jetztigen System behebt und, man kann ja davon träumen, mit europaweit einmaligen Absurditäten, wie etwa dem 13. und 14. Gehalt, dessen Steuerschonung zu einer extremen Bevorzugung höherer Einkommen beiträgt, aufräumt. Jedenfalls haben angesichts der gegenwärtigen globalen Wirtschaftskrise die „Weniger Staat, mehr Privat„-Proponenten, zumindest bis auf weiteres, einmal Pause. Dieses „Window of opportunity“ sollte man nutzen. Nicht nur in Österreich sondern in ganz Europa!

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To be fair or not to be fair

Montag, 15. September 2008 17:35

Im CLUB 2 zum Thema „Wahlkampf –Image ist alles“ (hier zum Nachsehen) hat der Kommunikationsexperte Dietmar Ecker, Ex-Berater von Franz Vranitzky und ehemaliger Pressesprecher von Finanzminister Ferdinand Lacina, eine äußert interessante Geschichte aus dem Wahlkampf im Jahre 1995 erzählt. Die Volkspartei unter Wolfgang Schüssel hat nach wenigen Monaten die Koalition mit der SPÖ platzen lassen, und konnte sich auf Grund der Wahlprognosen, die von Woche zu Woche für die Vranitzky-SP trostloser wurden, berechtigte Hoffnungen machen, nach Jahrzehnten wieder stimmenstärkste Partei zu werden (Stichwort: Schüssel-Ditz-Kurs). Die SPÖ konnte nur noch auf Vranitzkys TV-Performance vertrauen, die dieser in den Jahren seiner Kanzlerschaft mehrfach unter Beweis gestellt hatte. In der großen Fernsehkonfrontation sollte er durch einen Kraftakt den Einzug Schüssels ins Kanzleramt quasi im letzten Moment noch verhindern.
Doch dann erkrankt Vranitzky an Grippe. Vollgepumpt mit Medikamenten schleppt er sich ins Fernsehstudio. In der einstündigen Diskussion, in der Schüssel unaufhörlich bissige Breitseiten gegen den Kanzler abfeuert, muss sich der fiebernde Vranitzky mehrfach den Schweiß mit einem Taschentuch von der Stirn wischen – Szenen vermeintlicher Schwäche, die der ORF-Kameramann den Zusehern live in die Wohnzimmer liefert.
Noch während der Diskussion ist für Ecker klar, dass die Wahlen für die SPÖ verloren sind. Doch dann passiert etwas, mit dem niemand rechnen konnte: Die Telefone im ORF-Kundendienst und in der SP-Parteizentrale laufen heiß, hunderte Anrufer, zumeist Pensionisten, zeigen sich zutiefst empört über die gallige Art, mit der Schüssel den sichtbar kranken Kanzler traktierte.
Daraufhin konzipierte Ecker den berühmt gewordenen „Pensionistenbrief„, der eine Woche vor dem Wahltag an alle Haushalte verschickt wurde. Am 17. Dezember 1995 feiert die SPÖ einen eindeutigen Wahlsieg, kann um 4% zulegen und den Abstand zur Volkspartei auf über 10% vergrößern.

Ein feines Beispiel dafür, dass Wahlen mitunter aus ganz anderen Motiven gewonnen oder verloren werden, als wir gemeinhin annehmen.

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I like Willi

Freitag, 29. August 2008 17:08

Seitdem ich den exzellenten Auftritt von Mag. Wilhelm Molterer in der gestrigen ORF-Fernsehkonfrontation via Bildschirm miterleben durfte, und staunend zur Kenntnis nehmen musste, wie ein geistreicher und angriffslustiger VP-Obmann den BZÖ-Alt- und Neuchef Jörg Haider über weite Strecken geradezu vorführte, läuft dieser Meilenstein in der jüngsten Fernsehdebattengeschichte dank ORF-IPTV in Endlosschleife auf meinem Computer. Was für eine hinreißende Performance, was für eine fesselnde Show von Molterer! Diese präzise und doch so bezaubernde Körpersprache, dieser wohldurchdachte Einsatz der Hände, dieses so charmante und gewinnende Lächeln, mit dem er wohl nicht nur die Moderatorin im Studio sondern auch die hunderttausenden Menschen vor den Bildschirmen in Entzückung versetzte. Und nach wie vor echt überrascht bin ich von Molterers rhetorischer Brillanz, mit der es ihm sicherlich spielend gelang, die Zuseherinnen und Zuseher von den zukunftsweisenden Konzepten seiner Volkspartei, insbesondere vom Vorhaben, eine Steuerreform erst im Jahre 2010 durchzuführen, zu überzeugen.

Als alten Fernsehjunkie hat mich Molterers wunderbare Performance an die bestechend authentischen Auftritte des Dr. Günther Ziesel, ehemaliger ORF-Chefredakteur und ORF-Landesintendant der Steiermark, erinnert, vor allem an dessen Moderationen des „Alpen-Donau-Adria“-Magazines, dieser Perle der ORF-Fernsehdokumentation.

Danke, lieber Mag. Wilhelm Molterer! Nur so weiter! Die Menschen dieses Landes werden Dir ewig dankbar sein!

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Digitaler Fußball

Freitag, 20. Juni 2008 16:25

Klaus Theweleit, fußballinfiziert seit Kindertagen, hat in seinem Buch „Tor zur Welt – Fußball als Realitätsmodell„, das im Jahre 2004 erschienen ist, den Versuch unternommen, die Veränderungen bzw. Auswirkungen der digitalen Medien auf das System Fußball zu beschreiben. Die „digitalen“ Fußballer, die in ihrer Freizeit Fußball mit der Playstation oder dem GameCube spielen, agieren unglaublich schnell – kein Vergleich zu den Stehpartien der 70-er und 80-er Jahre, wie man sich vor EURO-Beginn wieder einmal überzeugen konnte, als die ARD alte Spiele im Nachtprogramm wiederholt hat -, eine Ballberührung und ab geht die Wuchtel zum nächsten Spieler (Kurzpassspiel), und, auch das ein grundlegender Unterschied zu anno dazumal, die Teams reagieren wesentlich rascher auf Veränderungen während eines Spiels. Keine starre, von Anpfiff bis Abpfiff durchgezogene Taktik, sondern flexible, auf die jeweiligen Spielerfordernisse angepasste Modelle prägen das Spiel im 21. Jahrhundert.

Das hängt damit zusammen, dass die Spieler wesentlich teamorientierter agieren, als dies früher der Fall war: Digitale Spieler sind im Prinzip auf jeder Position, vorne oder hinten, einsetzbar. Mittlerweile ist es bei Spitzenteams völlig normal geworden, dass Stürmer als Verteidiger agieren und umgekehrt. Hans Krankl oder Anton Polster hätten niemals den eigenen Strafraum betreten, Frank Ribery oder Wesley Sneijder hingegen sind überall zu finden. Klassisch agierende Mannschaften, also Teams, die auf Ball halten und Spiel beruhigen setzen, haben gegen eine solche, immer offensiv ausgerichtete Lesart des Spiels keine Chance mehr. Die Bilanz nach der Vorrunde der EURO 2008 belegt das eindeutig: Betonierer und Zerstörer Marke Griechenland sind ebenso draußen wie jene Teams, die mit zu wenig Risiko in die Spiele gegangen sind.

„Verschiedene Spielsysteme werden zunehmend kombiniert. Denkende Spieler erkennen das jeweils Nötige und schalten entsprechend um. Holländische, spanische, französische, englische, deutsche, italienische, brasilianische ,Tugenden’ liegen in Spielern aller Länder vor. Sie verfügen über ein Arsenal von Spielweisen – abgespeichert in ihrer Bewegungsstruktur. So wie alle Zeiten gleichzeitig im Computer vorliegen.“

Im Lichte dessen ist es daher völlig absurd, wenn nach wie vor, wie von den meisten ORF-Kommentatoren hirnlos vorgequatscht und von der Mehrheit der österreichischen Fußballzuseher hirnlos nachgequatscht, der deutschen Mannschaft nachgesagt wird, sie käme nur mit Glück und auf Grund der „deutschen“ Tugenden (Kraft und Kampf) bei der EURO weiter. Sicherlich haben die Spieler die nötige Kraft und Ausdauer. Und, auch klar: Sie gehen mit Leidenschaft in Zweikämpfe. Bloß: Das machen auch die anderen großen Teams dieser Europameisterschaft, die Holländer, die Türken, die Italiener, die Portugiesen usw. Aber, seit Jürgen Klinsmann und jetzt unter dem großartigen Joachim Löw, spielen sie auch den wunderbaren Kombinationsfußball, den frühere deutsche Mannschaften nicht einmal in Ansätzen spielen konnten.

Also: Schluss mit dem Deutschen-Bashing im Fußball, lieber mitfeiern, wenn sie gut spielen.

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Claus Gatterer

Dienstag, 6. Mai 2008 20:43

Alljährlich vergibt der Österreichische Journalisten Club, die größte Journalistenorganisation Österreichs, den Claus-Gatterer-Preis an sozial engagierten Journalismus. Der mit 5000 Euro dotierte Preis erinnert an einen Journalisten, der in den 1960-er und frühen 1970-er Jahren zunächst als Printjournalist bei den „Tiroler Nachrichten“ und den „Salzburger Nachrichten„, danach im „Forum“ und im „Express“ tätig war, ehe er im Jahre 1972 zum ORF kam, wo er von 1974 bis zu seinem Tod im Jahre 1984 die Leitung des Fernsehmagazins „teleobjektiv“ innehatte.

Warum Claus Gatterer für dieses Land so wichtig war, zeigen zwei Artikel (der erste beschäftigt sich mit dem Fall Borodajkewycz, der zweite mit dem skandalösen Freispruch des Naziverbrechers Franz Nowak) die 1966 nicht in österreichischen Zeitungen, sondern in der renommierten „Zeit“ in Hamburg erschienen sind, und die ich im Zeit-Archiv entdeckt habe. Übrigens: In diesem Online-Archiv sind sämtliche seit 1946 in der „Zeit“ erschienene Artikel kostenfrei zugänglich!

DIE ZEIT, 27.05.1966 Nr. 22
Der Wiener Professorensturz – Das Ende der Affäre Borodajkewycz
Wien, Ende Mai

In einem lakonischen Vier-Zeilen-Kommunique teilte der Disziplinarsenat der Wiener Hochschule für Welthandel am vergangenen Wochenende mit, daß der zweiundsechzigjährige Historiker Professor Taras von Borodajkewycz strafweise in den dauernden Ruhestand versetzt worden ist. Keine Begründung, kein Kommentar. Das Ende der Affäre, die Österreich seit dem März 1965 bewegt, war in der Eindeutigkeit der Entscheidung ganz und gar unösterreichisch.
Das Kapitel Borodajkewycz ist wohl das betrüblichste in der Geschichte der Zweiten Republik. Der Historiker lehrte die Hörer, daß die österreichische Verfassung eine „Schöpfung des Juden Kelsen, der früher Kohn hieß“, sei und die Weimarer Verfassung ein Werk des „Juden Hugo Preuss“; vieles an Karl Marx, sagte er, sei nur verständlich, wenn man um dessen Herkunft aus dem Rabbinertum wisse. Rosa Luxemburg bezeichnete er als „jüdische Suffragette“.
Die „österreichische Nation“ kann für Borodajkewycz „nur zwischen Unkraut gedeihen“; das Jahr 1945 hat nach diesem Historiker „den bisherigen Kodex der Menschheit umgestülpt und Feigheit, Fahnenflucht, Verrat als die wahren Tugenden des österreichischen Mannes gepriesen“. Auch die österreichische Eigenstaatlichkeit ist für den großdeutschen Professor aus der Ukraine, der 1934 schon, obwohl Katholik, illegaler Nazi war und als Staatsarchivar „im Hause des Bundeskanzler selbst ein sicheres illegales Depot“ für die Nazibewegung errichtet hatte, zumindest problematisch. „Es ist nur ein. Teil der gesamtdeutschen Katastrophe“, schrieb er im Bonner „Parlament“, „daß wir deutschen Österreicher zum zweiten Male innerhalb einer Generation das größere Vaterland verloren haben“ — jenes Vaterland, in welchem „der glanzvollste Redner des zwanzigsten Jahrhunderts, der Redner par excellence“, Adolf Hitler, regierte.
Nicht gegen Borodajkewycz, sondern gegen das, was er lehrte, gingen am 31. März 1965 ehemalige Widerstandskämpfer, Studenten, „österreichische Österreicher“ aller Art in Wien auf die Straße; die Freunde des Historikers veranstalteten eine Gegendemonstration — angeblich um die Hochschulautonomie zu verteidigen. Bei einem Zusammenstoß wurde ein alter Mann — der Kommunist Ernst Kirchweger — niedergeschlagen und getötet; der Schläger war ein wegen rechtsextremistischer Betätigung schon vorbestrafter Student, Anhänger des „Ringes Freiheitlicher Studenten“ (RFS), jener Corps und Burschenschaften, die gerade an der Hochschule, an der Borodajkewycz lehrte, eine ihrer Hochburgen haben. Ein Zufall? Ein Zufall, daß aus den Reihen des RFS der Propagandist des Südtirolterrors, Norbert Burger, und viele der Freiwilligen seiner „Kinderkreuzzüge gegen Italien“ kommen? Das Üble am Fall Borodajkewycz war, daß die Geister, die er freigesetzt hat, weiter wirkten und weiter wirken.
„Ein Symptom wäre bereinigt. Wer wagt sich an die Ursachen?“ fragte die katholische Wiener „Furche“. Einen Tag nach der Zwangsbeurlaubung des Historikers sandte NBC in Amerika einen Dokumentarfilm über antisemitische Strömungen in Österreich. Borodajkewycz kam in der Sendung auch selber zu Wort: er sei, sagte er, an antisemitischen Regungen völlig schuldlos; er werde nur verfolgt, weil er sich als Deutscher fühle und weil er offen bekenne, Nazi gewesen zu sein. Hatten die meisten Österreicher den Spruch des Disziplinarsenats gegen den Historiker ungerührt gelassen zur Kenntnis genommen, die Tatsache, daß die Amerikaner nach antisemitischen Regungen in Österreich zu forschen wagten, regte nun sehr viele sehr heftig auf.
Die „Neue Front“, das Zentralorgan der Freiheitlichen, meinte, die „notorischen Neonazigespensterseher“ hätten den „Hetzfilm über Österreich“ nur wegen der exorbitant hohen amerikanischen Honorare „zusammengebraut“. Der sozialistische „Expreß“ und das ÖVP-Zentralorgan „Volksblatt“ hielten den Amerikanern in seltener Einmütigkeit die Rassisten im eigenen Haus („gummikauende, Hamburger essende Ku-Klux-Klan-Leute“) und den strammen österreichischen Antikommunismus vor. An diesem Film „An Austrian Affair“ reagierte man also ab, was sich an dem endlich bereinigten Fall Borodajkewycz schicklicherweise nicht abreagieren ließ. Auch dies ein Symptom? Wahrhaftig: „Wer wagt sich an die Ursachen?“

DIE ZEIT, 14.10.1966 Nr. 42
Wien, im Oktober

Heimat bist du großer Söhne?“ Diese Verszeile aus der österreichischen Nationalhymne wurde, groß auf ein Transparent gemalt, einem Zug von Studenten vorangetragen, die gegen den Freispruch des „Fahrdienstleiters des Todes“, Franz Novak, durch ein Wiener Geschworenengericht demonstrierten.
Novak, 1913 geboren, seit 1929 in der HJ, 1934 am NS-Putsch in Österreich beteiligt, mit Adolf Eichmann zur „Endlösung der Judenfrage“ in Wien, Prag und Budapest eingesetzt und für die Organisation der Massentransporte in die Vernichtungslager mit einer steilen SS- Karriere belohnt — dieser Franz Novak lebte gutbürgerlich als Druckereileiter in Wien und erhielt sogar die österreichische Staatsbürgerschaft wieder. Bis 1960 als „Abfallprodukt“ des Eichmann-Verfahrens sein Steckbrief nach Wien gelangte.
Im ersten Prozeß wurde er 1964 wegen „öffentlicher Gewalttätigkeit“ zu acht Jahren verurteilt; der Oberste Gerichtshof aber hob den Spruch wegen eines formalen Fehlers auf. Im zweiten Prozeß wurde die direkte Mitschuld Novaks an den Massenvernichtungen noch klarer nachgewiesen. Das Ergebnis: Die Geschworenen erkannten ihn mit 7 zu 1 Stimmen der „öffentlichen Gewalttätigkeit“ schuldig; billigten ihm aber „unwiderstehlichen Zwang“ — Befehlsnotstand — zu. Novak verließ den Gerichtssaal als freier Mann.
Novak hatte keinen Befehlsnotstand geltend gemacht, aber die Geschworenen in ihrem „gesunden Volksempfinden“ billigten ihm diesen zu. Das erschien ihnen offenbar ganz selbstverständlich. Und wie sollte es denn auch anders sein, wenn die Staatsanwaltschaft Beihilfe zum millionenfachen Massenmord zur „öffentlichen Gewalttätigkeit“ bagatellisiert? Wenn seit spätestens 1949 allen ehemaligen Nazigrößen gemäß Österreichs offizieller Formel, das „erste Opfer des Nationalsozialismus“ gewesen zu sein, Generalabsolution erteilt wird? Wenn Minister den grassierenden Antisemitismus wider besseres Wissen leugnen und manche Parteien ihn sogar ungeniert im Wahlkampf benützen? Wie sollte es anders sein, wenn den durch Bluturteile belasteten Dienern der Justiz nicht nahegelegt wird, freiwillig in Pension zu gehen? Wenn Hitlers Krieg noch heute als ein „antibolschewistisches“ Unternehmen (mit einigen bedauerlichen Exzessen) definiert wird?
Nicht für Novak gilt der Notstand. Er gilt für die österreichischen Geschworenen. In sechzehn Kriegsverbrecher-Prozessen seit 1960 gab es acht Freisprüche, und der für die Deportierung von rund 100 000 holländischen Juden verantwortliche Rajakowitsch kam, wegen „öffentlicher Gewalttätigkeit“ verurteilt, mit 30 Monaten Kerker davon.
Auf einen „Fortschritt“ muß indessen hingewiesen werden: In Wien wurde zu Novaks Freispruch nicht schon im Gerichtssaal applaudiert, wie sonst üblich ist.

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Die 4da

Dienstag, 12. Februar 2008 23:31

Zur Fortsetzung der Kabarettsendung „Die 4 da“ im ORF zwei grandiose Kommentare zur politischen Lage Österreichs für all jene, die sie noch nicht gesehen haben.

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Zum Umgang mit Dumpfbacken

Mittwoch, 30. Januar 2008 16:40

In einem im gestrigen Standard erschienenen Kommentar mit dem Titel „Eine Bühne für die Hetzer?“ nimmt der Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici den Medien-Hype rund um die Grazer Kommunalwahlen, aber insbesondere das Auftreten von Strache und Westenthaler im Rahmen der ORF-Talk Show Im Zentrum am Wahlabend, zum Anlass, für einen Appell an den ORF, den Hetzern von FPÖ und BZÖ bisweilen mit Ignoranz zu begegnen. Ravinovici schreibt: „Das dritte Lager mag gespalten und halbiert sein, aber die Rundfunkanstalt verdoppelt. Wo früher ein Schreihals das Gespräch übertönte, krakeelten jetzt zwei. Strache verhöhnte den Moderator Peter Pelinka, Westenthaler den Politologen Filzmaier. Beide griffen nicht die politischen Gegner, sondern unabhängige Beobachter an. Ihr Stil, ob persönliche Beleidigung, stetes Unterbrechen oder rassistische Diskriminierung, ist Gesinnung, die Form Inhalt. (…) Es wäre durchaus angebracht, die Freiheitlichen zuweilen rechts liegenzulassen. Es ist so durchschaubar und langweilig, immer nur mit Strache, Mölzer oder Westenthaler Quote machen zu wollen. Gegen den Rassismus nicht Stellung zu beziehen, hieße vor ihm zu kapitulieren, aber wenn News auf schrille Fotos der bösen Bubenpartien und der Boulevard auf das Spiel mit dem Ressentiment verzichteten, wäre dies in der Tat eine den Freiheitlichen angemessene Form der Ignoranz.

Man muss die betreffende Sendung nicht gesehen haben, und ich habe sie nicht sehen wollen, um zu wissen, dass dem nichts hinzuzufügen ist. Höchstens der Verweis auf eine jüngst ergangene Entscheidung des Bundeskommunikationssenates, der auch als Rechtsaufsichtsbehörde über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ORF fungiert. Darin heißt es unter anderem: „Der ORF hat zur Erfüllung seines Auftrags zur umfassenden Information Sorge dafür zu tragen, dass die Vielfalt der Meinungen in einem Programm in seiner Gesamtheit zum Ausdruck kommt; es besteht also kein Anspruch einer politischen Partei oder einer Interessenvertretung auf Präsenz in einer bestimmten Sendung; entscheidend ist vielmehr, dass es insgesamt allen nennenswerten politischen Kräften möglich ist, ihre Meinungen darzulegen.“
Folglich besteht auch keine, aus dem Objektivitätsgebot des ORF (§10 ORF-Gesetz) abzuleitende Notwendigkeit für den ORF, rechte Hassprediger in einer ORF-Sendung auftreten zu lassen. Im Gegenteil: Deren Auftreten kann als permanenter Verstoß gegen die im selben Paragrafen in den Absätzen 1 und 2 festgelegten Allgemeinen Grundsätze des ORF gesehen werden. So heißt es in §10 Absatz 1 ORF-Gesetz: „Alle Sendungen des Österreichischen Rundfunks müssen im Hinblick auf ihre Aufmachung und ihre Inhalte die Menschenwürde und die Grundrechte anderer achten„, und in Absatz 2 wird postuliert: „Die Sendungen dürfen nicht zu Hass auf Grund von Rasse, Geschlecht, Alter, Behinderung, Religion und Nationalität aufreizen.“

Eine Anmerkung sei noch angebracht:
Der Stil der Rechten ist Gesinnung, die Form ist Inhalt. Genau so ist es. Und, da es so ist, ist es auch nicht wirklich überraschend, wenn sie nicht nur „politische Gegner, sondern unabhängige Beobachter“ attackieren. Nun wäre es in der Tat eine Chuzpe, wenn man von einem dieser „unabhängigen Beobachter„, dem Moderator der Sendung Im Zentrum, der zugleich als Chefredakteur des Wochenblattes NEWS dessen Nicht-Journalismus und das jahrelange Haider Foto-Shooting, das Rabinovici zu Recht moniert, zu verantworten hat, erwarten würde, dass er Krakeelern, zu deren Wahrnehmung er allwöchentlich publizistisch beiträgt, etwas entgegen setzen könnte. Wer zu Talk Shows mit rechten Dumpfbacken hingeht (oder zusieht) und sich zivilisierte Debatten erwartet, der darf sich im Nachhinein nicht die Augen reiben, wenn sie nicht stattgefunden haben.
Wer zu Debatten mit Dumpfbacken hingeht, von dem erwarte ich mir, dass er mit der notwendigen Verve dagegen hält, tief schießen kann und vor dem Austeilen und Einstecken verbaler Watschen nicht zurückschreckt. Für alle, die das nicht können oder nicht wollen, sollte gelten: Vermeidet das Hingehen, wenn ihr nicht den Verstärker der Dumpfbacken abgeben wollt!

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Fernsehen als Kanzel

Freitag, 25. Januar 2008 20:41

In einer berührenden „Liebeserklärung an einen Querdenker“ erweist André Heller dem ehemaligen Generalintendanten des ORF Gerd Bacher die Reverenz. Bacher, der die Medienorgel ORF über Jahrzehnte „in seiner schönsten, imponierendsten Form erfunden bzw. die begabtesten Feuerköpfe um sich geschart hat, um ihn erfinden zu lassen„, wie Heller betont, hat vor allem viele machen lassen, auch dann, wenn das Produkt so gar nicht mit seinem rechtskonservativen Weltbild im Einklang stand.

Man krame etwa in eigenen Videobeständen oder erwerbe ausgewählte Klassiker der Bacher-Ära, die vor Kurzem in der Edition „Der österreichische Film“ auf DVD erschienen sind, wie etwa die sechsteilige Alpensaga, oder erinnere sich an so manche Club 2-Sendung, in der man als Heranwachsender zum ersten Mal eine Ahnung davon bekam, was zivilisierte Diskussions- und Streitkultur sein kann (etwas, was man weder von Elternhaus noch von Schule vermittelt bekam, weil das Personal dieser Sozialisierungsinstanzen selbst in autoritären Strukturen sozialisiert wurde) oder schalte auch heute noch Sendungen wie Diagonal ein – auch das eine Erfindung aus der Bacher-Ära -, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was Fernsehen und Radio sein kann und sein soll, wenn es sich als Medium der Aufklärung begreift.

Zugleich, und das sollten wir bei aller Verklärung nie vergessen: Das Bacher’sche Fernsehen war – trotz dieser, die Erinnerung prägenden Höhepunkte – in seiner Konzeption genauso anti-emanzipatorisch und autoritär wie Schule und Elternhaus, weil es, wie der Journalist Joachim Riedl zu Recht festhält, „im Bewusstseins eines Alleinvertretungsanspruches“ daher kam. Und Riedl weiter:

Es ist ein Götze, der keine anderen neben sich dulden mag. Ein Stück Religionsersatz und wer’s glaubt, wird selig. Allen anderen ist die Hölle gewiss, darin die ewige Dummheit brodelt. (…) Die Vorstellung, Fernsehen sei eine Schule der Nation, eine Belehrungs- und Erklärungsanstalt, nährt sich aus der utopischen Idee der wohlmeinenden Diktatur, die davon überzeugt ist, es müsse eine hohepriesterliche Fürsorgeherrschaft über das unmündige Gewusel der Menscheit errichtet werden. Der Gedanke, so verführerisch er sein mag, ist in Wahrheit totalitär.“ (Hier der ganze Text von Joachim Riedl)

Fernsehen, in den 1970-ern und 1980-ern, hieß schlicht und einfach: ORF sehen. Die Fernbedienung, sofern es sie überhaupt gab, war funktionslos, weil es keine Möglichkeiten des Wegzappens gab. Angesichts des Faktums, dass es eben nicht täglich Alpensaga oder Kottan gab, also Sendungsinhalte, die man, don’t forget, wenn überhaupt, nur bei Abwesenheit elterlicher Autorität sehen konnte, sondern, ganz im Gegenteil, dass der ORF-Alltag hauptsächlich von journalistischen Geistesblitzen wie etwa dem Bacher-Freund Alfons Dalma (eigentlich Stjepan Tomicic), der seine journalistische Karriere in Propagandablättern des kroatischen Ustascha-Regimes begonnen hatte, in den späten 1960-er Jahren zum Chefredakteur im ORF aufgestiegen war und bis in die 1980-er Jahre aus dem ORF eigenen Vatikan-Studio die gesamte Süd-Europaberichterstattung abdeckte, geprägt wurde und Sendungen wie Autofahrer unterwegs die Begleitkulisse zum sonntäglichen Schweinsbraten im Elternhaus beisteuerten, ist man auch weniger anfällig für Verklärungen der Bacher-Ära.

Also, don’t forget:
Bei aller Klage gegen den Fernsehschrott im heutigen digitalen Programmbouquet, die Erweiterung im Bereich der audiovisuellen Medien, die Fülle der Angebote im Fernsehen und im Internet, eröffnet vorher nicht gekannte Optionen der Wahl für Jeden/e.

Thema: Allgemein, Geschichte, Politik | Kommentare (1) | Autor: