Beitrags-Archiv für die Kategory 'Geschichte'

Marie Jahoda

Freitag, 2. März 2012 19:06

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Als ich gestern abends mit dem Auto unterwegs war, lief auf Ö1 eine Sendung aus dem Jahre 1996, die mich schon damals tief beeindruckt hatte. Jetzt, 25 Jahre später, hat mich diese Reise ins „Jahrhundert der Extreme“ (Eric Hobsbawn) derart in den Bann gezogen, dass ich mir einen Parkplatz suchte, um ihr meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Es war ein Gespräch mit Marie Jahoda, das Doris Stoisser im Rahmen der Ö1 „Im Gespräch„-Sendereihe mit der damals 89-jährigen Sozialwissenschaftlerin geführt hatte. Jahoda hatte wenige Wochen zuvor einen Schlaganfall erlitten. Hätte man das nicht vor Sendungsbeginn erfahren, man hätte beim Zuhören nichts bemerkt: Selten habe ich jemand so analytisch-präzise und zugleich so verständlich sprechen gehört, wie die fast 90-jährige Marie Jahoda. Faszinierend erzählt sie über Marienthal und ihre „privilegierte“ Kindheit („privilegiert“ deshalb, wie sie betonte, weil sie von ihren Eltern geliebt und gefördert wurde), über die Zeit in der Illegalität (als Mitglied der „Revolutionären Sozialisten“ hat sie das austrofaschistische Regime für neun Monate in der Rossauer Kaserne inhaftiert), die Emigration nach Großbritannien (von 1937 bis 1945) und in die USA (von 1945 bis 1958) und ihre sozialwissenschaftlichen Arbeiten (insbesondere über Vorurteile) in Großbritannien.

Marie Jahoda ist vor allem als zentrale Autorin der Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ bekannt, die im Jahre 1933 veröffentlicht wurde. Die Marienthal-Studie gilt dank der innovativen Verknüpfung unterschiedlicher sozialwissenschaftlicher Methoden und der für Laien verständlichen Darlegung der Forschungsergebnisse als einer der wichtigsten Texte der modernen Sozialwissenschaften. Von zeitloser politischer Brisanz ist freilich der zentrale Befund der Studie: Lang andauernde Arbeitslosigkeit führt zu Resignation, Apathie und Untätigkeit und nicht, wie von linken Theoretikern erhofft, zu Auflehnung und Politisierung nach Links. Ein Befund, der sich wenige Jahre danach bestätigen sollte: Die „ermüdeten“ Bewohner Marienthals (Ortsteil von Gramatneusiedl), überwiegend sozialdemokratisch sozialisierte Arbeiter, sind nahezu geschlossen zu den Nazis übergelaufen. (Über die Marienthal-Studie und seine Autorinnen und Autoren gibt es eine hervorragende Website, die vom Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich erstellt wurde).

Beim Zuhören dieser Sendung wurde mir bewusst, wie nahe uns alle mit Marienthal zusammenhängenden Probleme sind – und zugleich wie (denk)fern uns andere Lösungsansätze geworden sind als jene, die propagiert und umgesetzt werden: Seit Gründung der Europäischen Union waren noch nie so viele Menschen ohne Arbeit wie heute. Neben Griechenland bluten Spanien (jeder zweite unter 25-jährige ohne Job!) oder Portugal auf Grund der aberwitzigen Auflagen, die ihnen die Regierungschefs der anderen Mitgliedsstaaten diktieren, ja, diktieren müssen, weil sie die Spielräume der Finanzmärkte nicht einschränken können oder wollen – was weiß ich! In der gesamten Union werden staatliche Ausgaben zurückgenommen und Budgetsparprogramme beschlossen, die mit Sicherheit die Arbeitslosigkeit werden weiter ansteigen lassen.

Jahoda plädiert für andere Ansätze, etwa für die Verkürzung des Achtstundentages auf einen Sechsstundentag, freilich bei vollem Lohnausgleich. Solche grundvernünftige Optionen werden nicht mehr artikuliert – von niemandem mehr. Wenn wir das, aber nicht bald tun, dann ist zu befürchten, dass die nationalistischen Schlägerpartien allerorts in Europa uns wieder dorthin bringen, wo wir nie wieder hinwollten.

Hier noch ein kurzer Video-Ausschnitt der Rede Marie Jahodas auf dem SPD-Parteitag in München am 21. April 1981, in der sie über die psychosozialen Folgen der Arbeitslosigkeit spricht. Unter den Zuhörern befindet sich auch Bruno Kreisky, der in seinen Memoiren davon erzählt, dass er als unpolitischer 14-jähriger zu einem Vortrag der damals 17-jährigen Jahoda gegangen und als Sozialist nach Hause gekommen war. Sein bekannter Ausspruch, „Ein paar Milliarden Schulden mehr bereiten mir weniger schlaflose Nächte als ein paar hunderttausend Arbeitslose!„, ist im Grunde genommen die politische Antwort auf die Erkenntnisse der Marienthal-Studie.

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67 Minuten ohne Zigarette

Donnerstag, 15. Dezember 2011 18:36

Pragmatismus und Vernunft, nicht Wut! Ein analytischer Blick auf die Verhältnisse, ein leidenschaftliches Eintreten für Freiheit und Menschenrechte, Gerechtigkeit und Solidarität, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit! Keine „großen Visionen„, sondern historisches Bewusstsein, das weiß, dass diese allesamt in großen Verbrechen münden.
In diesem Sinne: Helmut Schmidts grandiose Rede über Deutschland und Europa vor dem SPD-Parteitag – 67 Minuten ohne Zigarette!

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Bildungsinitiative

Donnerstag, 3. November 2011 18:27

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Von heute bis zum 10. November läuft das Volksbegehren „Bildungsinitiative. Alle Infos dazu auf der Website http://www.nichtsitzenbleiben.at/

Zur Einstimmung:
U2 heute früh: Zwei junge Medizinstudentinnen (18 oder 19) unterhalten sich:

A: Du, gestern hat mich der Michi echt arg g’nervt … mit so an Wort, dass ich noch nie gehört hab’. Das kennst du sicher auch nicht … Wart’, ich schau’ (sucht auf ihrem Smartphone, spricht dabei weiter), … hat was mit Rassen oder so zu tun … irgendwas mit dem Martin Luther … Da, ich hab’s: A-part-heit, genau Apart-heit.
B: Kenn’ ich.
A: Kenn ich … ja sicher, Du … ha, ha … Na und? Was ist das?
B: Irgendwas geschichtliches halt …
A: Das hat der Michi auch g’sagt. Na und? Und was ist das jetzt?
B: Hab’ ICH in Geschichte auf’passt?
A: Das hab’ ich zum Michi auch g’sagt … (beide lachen)

Noch eine Hör- und Mitdenk-Empfehlung:
Gespräch mit Frank Schirrmacher, dem Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf ALTERNATIVLOS (http://alternativlos.org/). Darin erzählt er u. a. folgende Geschichte: Anfang der 1990-er Jahre konnte er als junger Redakteur einem Treffen von Mitterand und Kohl beim alten Ernst Jünger in dessen Domizil beiwohnen. Plötzlich, so erzählt Schirrmacher, haben Mitterand und Jünger apokalyptisch über die Zukunft der Welt zu sprechen begonnen. Mitterand erörterte, wie oft welche Länder und Reiche im 20. Jahrhundert zusammen gebrochen seien, Jünger sprach davon, dass die Menschen die Technik nicht mehr kontrollieren könnten und so weiter; und Kohl, dem sichtlich unwohl wurde, wie Schirrmacher bemerkte, unterbrach das Gespräch mit dem Ausruf: „Ei, ich bin ganz optimistisch!

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Wo bleibt Ringo?

Montag, 18. Juli 2011 17:15

Entschuldigung. Wisst Ihr, ob ER schon da ist?“ fragt ein etwa fünfzig-jähriger Mann mit Beatles-T-Shirt in die Menge. „Nein, ER kommt sicher erst viel später!“ sagt Max. Max heißt vermutlich nicht Max – ich nenne ihn nur so, weil er mich an einen Bekannten erinnert, der diesen Namen trägt.

Sonntagnachmittag gegen 15 Uhr. Innenstadt. Sauheiß. Ich warte schon seit einer halben Stunde vor der Galerie G-POP. Laut Ankündigung sollte jetzt eigentlich Ringo Starr DA sein, um eine Ausstellung mit von ihm am Computer generierten Bildern zu eröffnen.

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Ringo Starr „Bad Finger“ (Galerie G. Hartinger)

Während ich auf IHN warte, unterhält sich Max mit drei Gleichgesinnten:

Klar, ER färbt sich die Haare und die Wimpern, das sieht man, aber mit 71 wirkt ER noch verdammt jugendlich. (…) „You’re sixteen“ wird ER nicht spielen, das passt nicht mehr, das verstehe ich, aber „Photograph“ kommt ganz bestimmt. …

Als Kiebitz inmitten einer Schar von Hardcore-Beatles-Fans, erfahre ich, dass ER vorgestern im Münchner Zirkus Krone vor tausenden Fans gespielt hat, und gestern in Düsseldorf.

Was hast Du mit zum Signieren? – Revolver, weißt eh, die LP, die mir Klaus Voormann signiert hat. Aber ich glaub’ eh nicht, dass er unterschreibt. Wenn doch, hab’ ich auch noch die letzte CD mit!

Medienvertreter tauchten ab 14.45 Uhr peu à peu vor der Galerie auf. Einige begaben sich sogleich mit Mikro und Kamera unter die Fans – nur wenige hatten Lust, Fragen wie „Warum sind sie heute hier?“ und „Sind sie ein großer Fan?“ zu beantworten.

15.30 Uhr. „Noch fünf Minuten, dann gehen wir!“ sagt der deutsche Tourist zu seiner Frau.

ER kommt mit dem Privatjet aus Düsseldorf und wird voraussichtlich gegen 16 Uhr in Schwechat landen. Fritz gibt uns per SMS Bescheid.

Das heißt, ER kann frühestens gegen 16.30 hier eintreffen. Max wusste das, bevor er hierher gekommen ist. Er war schon da, als ich gegen 14.30 Uhr eingetroffen bin. … Jetzt also weiter warten. Die beiden Deutschen sind auch noch da.

Gegen 16 Uhr kommt der ORF. Musikredakteur Klaus Totzler kann sich aussuchen, wo er sich mit seinem Kameramann postieren wird. Er muss nicht in die Pressezone, ein etwa 3×3 Meter großes Areal, in dem sich die Vertreter der Presse und der privaten Radio- und Fernsehsender zusammenpferchen. Das wird aber, zu meinem Erstaunen, von diesen ohne Murren akzeptiert.

totzler

Der ORF genießt also nach wie vor Sonderstatus, denke ich, während die Polizisten ein Absperrband aufziehen und uns (ich schätze, wir sind jetzt so an die 500 Leute) freundlich aber bestimmt auffordern, hinter die auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkenden Autos zurückzutreten. Ziemliches Geschiebe, es gelingt mir direkt gegenüber dem Galerie-Eingang stehen zu bleiben – hinter dem ORF-Wagen. Super, denke ich, Spitzenplatz!

Ein Blick auf die Uhr. Gleich 17 Uhr. Gekreische. OK, jetzt kommt ER! Ich stelle mich auf Zehenspitzen, um mit der Kamera bestmöglich über das Autodach hinweg fotografieren zu können, als ein schwarzer Minivan mit getönten Scheiben genau zwischen mir und dem Galerie-Eingang zum Stehen kommt. So ein Scheiß, denke ich, während ich ununterbrochen den Auslöser drücke. Überall Foto- und Fernsehkameras, Mikros, Gejohle und Gekreische, „Ringo„, „Ringo„, „I love you„, „Peace and Love„, „Peace and Love“ …

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Eine Stunde später sichte ich die gefühlten tausend Fotos, und – da – ein Teil von Ringos Kopf:

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Uns so haben die Kollegen von der APA die Ankunft Ringos festgehalten:

Exhibition in Vienna - The Art Of Ringo Starr
Quelle: APA

Das Konzert in der Arena habe ich ausgelassen, dafür ein paar Songs gehört …

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Jeder stirbt für sich allein

Dienstag, 26. April 2011 20:16

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Das Arbeiterehepaar Otto und Elise Hampel hat von 1940 bis zu ihrer Verhaftung im Jahre 1942 rund 280 Postkarten und Flugblätter gegen Krieg und Nationalsozialismus geschrieben, die sie auf Stiegen oder Fensterbänken von Wohn- und Bürohäusern in Berlin deponierten im Glauben, ihre Botschaften werden sich massenhaft verbreiten. Welch ein Irrtum: Lediglich 18 Karten blieben verschwunden, die übrigen wurden von den Findern sofort der Gestapo übergeben. Im Jänner 1943 sind die Hampels vom Präsidenten des NS-Volksgerichtshofes Roland Freisler wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ und „Vorbereitung zum Hochverrat“ zum Tode verurteilt und am 8. April 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden.

Auf das Schicksal dieses Ehepaares ist der Schriftsteller Hans Fallada (eigentlich Rudolf Ditzen) im Jahre 1946 von seinem Freund Johannes R. Becher aufmerksam gemacht worden. Becher, später Kulturminister der DDR, war zu jener Zeit Präsident des Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung Deutschlands. Der Kulturbund wirkte am antifaschistischen Gründungsmythos der DDR mit, Geschichten über Helden des antifaschistischen Widerstands waren daher höchst willkommen. Wenngleich sich Fallada zunächst zierte, weil er, wie er betonte, selbst „im Strom mitgeschwommen war„, muss der Stoff ihn doch außerordentlich angezogen haben: Schon schwer gezeichnet von jahrelanger Morphium- und Alkoholabhängigkeit schrieb Fallada 866 Typoskriptseiten in nicht einmal vier Wochen.

Im Jahre 1947, kurz nach Falladas Tod, erschien der Roman unter dem Titel „Jeder stirbt für sich allein“ im Aufbau-Verlag, freilich um jene Passagen bereinigt, die nicht so recht ins antifaschistische Heldenimage passten: Im Originalmanuskript zeichnet Fallada seine Protagonisten in Analogie zu den Hampels (im Roman heißen sie Otto und Anna Quangel) als ehemalige Sympathisanten der Nazis (Otto Quangel ist überzeugt, dass er die Position als Tischlermeister in einer Möbelfabrik nur „dem Führer“ verdankt und seine Ehefrau war eine begeisterte Funktionärin in der NS-Frauenschaft), und selbst als Postkartenschreiber gegen die Nazis werden sie keine wirklichen Sympathieträger. Diese Passagen fanden sich in der Erstveröffentlichung ebenso wenig wie die Schilderungen des Umgangs mit potentiellen Verrätern innerhalb einer kommunistischen Widerstandszelle.

Nach dem großen Erfolg, den der Roman seit einigen Jahren vor allem in den USA und in Israel bei Kritik und Publikum erzielte, hat jetzt auch der Aufbau-Verlag nachgezogen und Hans Falladas Opus Magnum erstmals in der vom Autor hinterlassenen Fassung veröffentlicht. Sein präziser Blick auf den nationalsozialistischen Alltag während der ersten Kriegsjahre funktioniert sowohl als packender Kriminalroman (Figur des Nazi-Polizeikommissars Escherich!) als auch als soziologische Studie über die „kleinen Leute„, also über jene, die nach WK II als „Mitläufer“ oder „minder Belastete“ entnazifiziert wurden. Im Anhang finden sich überdies Auszüge aus den Prozessakten gegen die historischen Vorbilder der Quangels und ein Nachwort zur Entstehungsgeschichte des Romans.

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Geschichte der Dunkelheit

Donnerstag, 14. April 2011 18:41

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Ich gehe gerne auf den Fußballplatz. Ich höre gerne Rock ’n’ Roll, ich lese auch gerne Schriftsteller, die ganz anders arbeiten als ich. Aber ich kann nur so schreiben, wie ich schreibe.“ (Gerhard Roth in einem wunderbaren Interview anlässlich des Erscheinens seines neuen Werks „Orkus – Reise zu den Toten„)

Kürzlich habe ich Gerhard Roths Buch „Die Geschichte der Dunkelheit„, 1991 erschienen, wieder gelesen. Der Autor hat darin den Bericht des Wiener Juden Walter Berger aufgezeichnet, der in der Leopoldstadt aufgewachsen und vor den Nazis nach England geflüchtet ist, wo er, nach mehreren vergeblichen Versuchen in die USA zu gelangen, der tschechischen Exilarmee beigetreten ist und auf Seiten der Alliierten gegen die Nazis gekämpft hat. Nach WK II ging er für eineinhalb Jahre in einen Kibbuz nach Israel, dann nach Deutschland, um schließlich wieder nach Wien in die Leopoldstadt zurück zu kehren (dank der Unterstützung des damaligen SPÖ-Vizekanzlers Bruno Pittermann, der Bergers Lehrer an der Privattechnischen Lehranstalt im Arsenal in den späten 1920-er Jahren gewesen war), in eine Leopoldstadt, in der die Spuren jüdischen Lebens fast gänzlich ausgelöscht waren.

Roths Aufzeichnungen der Lebenserinnerungen des Walter Berger, diese Odyssee durch das Jahrhundert der Extreme (Eric Hobsbawm), ist für mich vor allem ein wunderbares Buch über das Weitermachen – trotz alledem.

Gerhard Roth wird am 15. Mai im Burgtheater aus seinem neuen Buch lesen.

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Globo

Mittwoch, 16. Februar 2011 10:41

Ein bisschen Nachdenken über die Dinge, ich glaub‘, dass schadet nicht. Auch ein kleiner Keulenhieb schadet nicht. Nur wegschauen, dass ist sicher nicht die Lösung. Also: manchmal hinschauen, ist, glaub‘ ich, gar nicht so schlecht.“ (Josef Nussbaumer)

Wissen wir zu wenig über die herrschenden ökonomischen und ökologischen Unrechtsverhältnisse unserer Welt? Mit Sicherheit nicht: Statistiken, Studien usw. sind genügend vorhanden. Eher leiden wir – neben dem gelebten Floriani-Prinzip – an Anschaulichkeit, an dem, was die Wissenschaft als Reduktion von Komplexität zu bezeichnen versucht. Nur als Beispiel: Wenn ich höre, dass die Weltbevölkerung in der Zeitspanne von Christi Geburt bis etwa 1500 das gleiche Wachstum aufgewiesen hat, wie in den Jahren von 2000 bis 2003, nämlich 3 Prozent, dann hat das eine andere Qualität als die Angabe der reinen prozentuellen Steigerung.

Bei der Gewinnung eines einzigen Eherings werden 20 Tonnen Giftmüll produziert. Um das Gold vom Stein zu trennen, kommen in Afrika und Lateinamerika, jedes Jahr 182.000 Tonnen Zyanit zum Einsatz. Die giftigen Chemikalien werden über Grundwasser und Flüsse im Meer entsorgt. Mit der Einbeziehung der Umweltschäden in den Goldpreis würde ein goldenes Schmuckstück so viel wie ein Findling vom Mars kosten.

Das sind die verdichteten Bilder, die zwei Wirtschaftswissenschaftler der Universität Innsbruck, Andreas Exenberger und Josef Nussbaumer, verwenden, um auf die Verteilungsungerechtigkeiten hinzuweisen. Das Besondere dabei: Sie nehmen Statistiken von UNO und OECD zu Bevölkerung, Energieverbrauch, Konsum, Einkommen, Alter usw. und legen sie über die Welt des Jahres 2000 im Maßstab von 6,1 Millionen, um die Welt als Dorf abzubilden, in der exakt 100 Menschen leben – mit allen Konflikten der realen Welt. „Hundert ist noch überschaubar; bei Tausend hätten wir schon Schwierigkeiten„, meint Nussbaumer. In Globo, so der Name für das Weltdorf, verfügen zwei der 100 Bewohner über mehr als die Hälfte des Wohlstands, hingegen müssen 50 Menschen mit 1 Prozent ihr Auslangen finden; 20 der 100 Einwohner haben Zugang zu medizinischer Versorgung – wobei: damit sind zwei Rotkreuzhelfer gemeint, weil in Globo, angesichts der herunter gerechneten Statistiken, keine Ärzte vorhanden sind! – und, noch so ein Beispiel zum Irrewerden: 61 Prozent des gesamten Konsums entfällt auf nur 12 Einwohner, 39 Prozent auf die restlichen 88.

All das wird in dem Buch „Unser kleines Dorf“ beschrieben (Prolog als Leseprobe). In einem grandiosen Radio Feature (Ö1 Hörbilder) sind diese verdichteten Facts zur Weltsituation fürs Radio aufbereitet worden. Allein für diese Sendung lohnt sich das Ö1-Download-Abo, das für 39 Euro im Jahr zu haben ist (das Buch ist für 27,90 Euro erhältlich).

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Urheberrecht verhindert Kreativität

Montag, 17. Januar 2011 18:32

shepard-fairey-_-hope

Der Künstler Shepard Fairey hat ein Foto des Associated Press Fotografen Mannie Garcia im Stile Andy Warhols bearbeitet, mit dem Schriftzug „Hope“ versehen und den PR-Strategen Obamas für den Präsidentschaftswahlkampf 2008 überlassen. Associated Press hat daraufhin wegen Verletzung des Copyrights geklagt. Der Rechtsstreit, der sich über mehrere Jahre hinzog, wurde am 13. Jänner 2011, also vor wenigen Tagen, außergerichtlich bereinigt, höchst überraschend überdies: Fairey wird die Tantiemen aus dem „Hope„-Poster mit der Nachrichtenagentur teilen und zugleich eine Posterserie produzieren – unter Verwendung von AP-Fotos. Das Original des „Hope„-Posters befindet sich mittlerweile im Bestand der Washingtoner National Portrait Gallery.

Im Rahmen einer vom SPÖ-Parlamentsklub organisierten Enquete zum Thema Neue Netzpolitik hat der deutsche Urheberrechtsexperte Till Kreutzer auch die „Hope„-Story zum Anlass genommen, um auf die Notwendigkeit einer völligen Überarbeitung des herrschenden Urheberrechtssystems (im Sinne einer Anpassung an die neuen digitalen Realitäten) hinzuweisen. Kreutzer, der seine Expertise auch als Mitarbeiter des Urheberrechts-Webportals iRights.info allen Interessierten zur Verfügung stellt, sieht die bestehenden Regeln vor allem als protektionistische Maßnahmen für analoge Geschäftsmodelle, deren Profiteure überwiegend die Verwerter und nicht die Kreativen seien.

Dass aber die Verteidiger des technologisch und gesellschaftlich Überholten nach wie vor den öffentlichen Diskurs über weite Stecken dominieren, zeigt sich nicht nur im Musik- und Filmbereich. Ein vor kurzem veröffentlichter Aufruf der IG Autorinnen Autoren, der Literar-Mechana und des Verlegerverbandes („Wer das Urheberrecht hat„) illustriert die Ignoranz der Proponenten gegenüber technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Der Aufruf, im Grunde ein Anti-Google und Anti-Internet-Manifest ohne Google oder das Internet beim Namen zu nennen („Interessen weltweit agierender Unternehmen in der digitalen Datensammlungs- und Datenverwertungswirtschaft (…) die an Kunst und Kultur nicht weiter interessiert sind, sondern nur an den Möglichkeiten, aus Nachnutzungen bereits bestehender Werke für sich Gewinn zu schlagen„), kann nur als Kapitulation der Interessensvertretung vor dem kreativen Potential der digitalen Technologien gewertet werden.

Wie viele Autorinnen und Autoren werden wohl den Kultur-Neugebauers Folge leisten?

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Europa schweigt zu Ungarn

Mittwoch, 22. Dezember 2010 17:53

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Das Magazin Magyar Narancs protestiert mit einer fast leeren Titelseite und dem Vermerk „am 1. Jänner 2011 endet in Ungarn die Pressefreiheit“ gegen das neue Mediengesetz.

Wenn am 1. Jänner 2011 die ungarische Regierung unter Viktor Orbán den Ratsvorsitz in der Europäischen Union übernimmt, dann wird die Europäische Union von einer Regierung repräsentiert werden, die im eigenen Land die Pressefreiheit abgeschafft und die Zensur eingeführt hat.

Was das Budapester Parlament gestern beschlossen hat, würde, auf österreichische Verhältnisse umgelegt, ungefähr folgendes bedeuten: Alle Nachrichten und politischen Sendungen des ORF (Fernsehen, Hörfunk und Online) werden in Hinkunft von der APA, die zuvor noch verstaatlicht und der Kontrolle der Regierung unterstellt wird, beigesteuert. Die Regierung begründet diese Maßnahme damit, dass die Vielzahl an Redaktionen ineffizient und überdies viel zu teuer gewesen sei. Außerdem könne man jetzt zentral sicherstellen, dass „Berichte von öffentlichem Interesse“ gebracht werden. Die Medienbehörde KommAustria (ausschließlich mit Regierungsmitgliedern besetzt, der Vorsitzende soeben für neun Jahre bestellt) kontrolliert in Zukunft Budget, Programm und Personal des ORF. Eine eigene „Medienverfassung“ verpflichtet alle österreichischen Medien (TV, Hörfunk, Zeitungen, Zeitschriften, Online-Medien) u. a. zu „sachlicher, zeitnaher und ausgewogener“ und „politisch unparteiischer“ Berichterstattung. Sollte die Behörde Verstöße gegen diese Medienverfassung feststellen, kann sie hohe Strafzahlungen und/oder den Entzug der Sendelizenz für private TV- und Radioanstalten oder Zeitungsverbote verfügen.

Wer das für überzogen hält, vertiefe sich etwa in den Bericht zum ungarischen Medien- und Telekompaket, den der international renommierte Rundfunk- und Medienexperte Karol Jakubowics für die OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit erstellt hat oder lese die umfangreiche Berichterstattung in der deutschsprachigen Budapester Tageszeitung Pester Lloyd.

Und was tut Europa? Die anderen Regierungschefs: No comment! Die Mitglieder der Europäischen Kommission: Weihnachtsurlaub! Das Europäische Parlament: Bis auf einzelne Abgeordnete – Schweigen!

In der konservativen deutschen Tageszeitung Die Welt bringt Michael Stürmer die Vorgänge in Ungarn mit dem Titel „Führerstaat Ungarn“ auf den Punkt:

Das neue Mediengesetz, in der Nacht zum Dienstag durch das Parlament gebracht und schon lange zuvor durch zweckmäßige Spitzen- und Spezibesetzung der Apparate vorbereitet, gibt der neuen Nationalen Medien- und Telekommunikationsbehörde weitgreifende antidemokratische Vollmachten. Von Zensur über Beschlagnahme von Dokumenten bis hin zum materiellen Ruin unliebsamer Medien gehört alles dazu, was sich ein autoritäres Regime wünschen mag. Es ist ein Ministerium für Meinungssteuerung und Lobpreis der Macht. Die Spitzenbesetzung besteht aus Parteigängern und Günstlingen des Premiers Viktor Orbán.

Frostige Zeiten …

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Die Erosion des politischen Arkanraums

Freitag, 10. Dezember 2010 17:42

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Heute wird die Zensur von den Produktivkräften der Bewusstseins-Industrie selber bedroht, die sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen. Noch ehe diese umgestürzt sind, wird der Widerspruch zwischen dem was möglich und dem was wirklich ist akut (…) Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar.

An diesen Sätzen aus dem Essay „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ von Hans Magnus Enzensberger, erschienen im Jahre 1970 im vom Autor herausgegebenen Kursbuch, mag uns Heutige allenfalls der angestaubte Jargon der 1968-er befremden; der Befund hingegen ist aktueller denn je. Zu Recht nimmt Enzensberger 30 Jahre später in einem anderen Essay („Das digitale Evangelium„) auf diesen Text Bezug – freilich spöttisch distanziert, ohne den Urheber des Textes aus längst vergangener Zeit zu erwähnen.

Angesichts der Reaktionen auf die Veröffentlichungen von als „geheim“ klassifizierten Depeschen der US-Amerikanischen Diplomatiebürokratie auf den WikiLeaks-Seiten drängt sich dieser Text geradezu auf, um zunächst einmal ganz nüchtern festzuhalten, dass nach der Musik- und Filmindustrie jetzt eben Teile des politischen Geschäftsmodells in demokratischen Staaten zu erodieren beginnt. Die Empörungsdiskurse der politischen Machteliten sind deshalb in the long run genauso unsinnig, wie das Bestemm der Kreativindustrien auf einem analogen Geschäftsmodell im digitalen Umfeld, weil, um nochmals Enzensbergers Text aus 1970 zu bemühen, „die Produktivkräfte (…) sich zum Teil bereits gegen die vorherrschenden Produktionsverhältnisse durchsetzen„. Mit anderen Worten: Sobald etwas in digitalisierter Form im Netz verfügbar gemacht worden ist, kann es nicht mehr kontrolliert werden – es sei denn, demokratische Staaten nehmen sich autoritäre Systeme wie China oder Nordkorea als Modell, drehen das Internet ab und verhaften die Journalisten der von WikiLeaks eingebundenen Medien. It’s the economy, stupid! Weil klar ist, dass die ökonomische Vernunft über die moralische Entrüstung triumphieren wird, werden demokratische Staaten das Internet nicht abdrehen.

Nun mögen die Motive mancher Whistleblower bedenklich, ja bisweilen verachtenswert sein. Das ändert aber nichts daran, dass Tippgeber eine wichtige Kontrollfunktion in demokratischen Gesellschaften erst ermöglichen, denn ohne sie wäre investigativer Journalismus schlicht und einfach nicht denkbar. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hat erst im April dieses Jahres eine Resolution angenommen, in der alle 47 Mitgliedsstaaten des Europarates aufgefordert werden, rechtliche Maßnahmen zum Schutz der Whistleblower zu schaffen. Freilich hatte diese Resolution den klassischen Whistleblower im Auge, also jenen, der sich einem Journalisten anvertraut. Solange diese Tippgeber den Zwischenhändler brauchten, drangen eben nur ab und zu vermeintliche oder tatsächliche Schweinereien an die Öffentlichkeit. Mit der digitalen WikiLeak-Maschine werden die medialen Zwischenhändler und Gatekeeper außer Kraft gesetzt oder sie verstehen es, wie New York Times, Guardian und Spiegel, gleichsam als embedded media weiterhin im Spiel zu bleiben. Die anderen Medien produzieren das, was sie ohnehin die ganze Zeit machen: „Gossip en masse: die ganze Welt ist nur mehr Gossip!“ (Konrad Becker kürzlich im Club 2).

Ansonsten empfiehlt sich für beide Seiten etwas mehr Gelassenheit und weniger hysterisches Gegacker an den Tag zu legen.

P.S
Meine Blog-Pause ist hiermit zu Ende. Die Gründe waren privat – und werden es auch bleiben.

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