Tag-Archiv für » Musik «

Do it yourself

Montag, 1. September 2008 18:47


John Currin, „Jaunty und Mame“ (1997)

Da ich mich am Wochenende im Duett mit C. durch die beiden Ausstellung BAD PAINTINGS und Punk – No one is innocent von profunden Kennern führen ließ, genoss ich das Interview mit Paulus Manker im jüngsten Profil ganz besonders. Hier ein kurzer Auszug:

profil: Verfolgen Sie den Wahlkampf?
Manker: Mehr interessiert mich derzeit Amy Winehouse. Da bekommt Kunst endlich wieder diesen verwegen-romantischen Charakter des 19. Jahrhunderts von Baudelaire, Verlaine und später von den Surrealisten. Sie wird wie ein waidwundes Wild gejagt. Und unter dem Brennglas beobachtet man, wie dieser Mensch scheitert und zugrunde geht. Großartig!
profil: Das ist doch tragisch!
Manker: Sie ist eine tolle Künstlerin, hat eine wunderbare Stimme und führt ein völlig verwegenes Leben. Sie macht, was sie will – oder was sie muss, wenn es um Drogen geht. Das geht niemanden etwas an. Dem durchschnittlichen Spießer ist das natürlich too much. Aber wenn die einen Furz lässt, ist das besser als das gesamte Repertoire des Theaters in der Josefstadt! In solchen Sphären hat sich die Kunst zu bewegen! Unerreichbar, unberührbar, jenseitig. Bei uns ist man schon erschüttert, wenn einer einen Joint raucht. Winehouse kann ja nicht wie Maria Rauch-Kallat am heimischen Herd stehen und Fischstäbchen braten!
profil: Diese Leute werden nicht alt.
Manker: Wo steht denn, dass man alt werden muss? Wofür? Für wen? Nur damit man die Pensionen für irgendwelche Halbaffen zahlt? Ich will mein Leben genießen – und wenn es nur 40 Jahre dauert, dann dauert es eben nur 40 Jahre!
profil: Und das Publikum soll dann diese verwegenen Künstlerkerle bewundern, die den Tod nicht fürchten.
Manker: Die Leute bewundern doch den Künstler gar nicht wirklich, sie wollen sich mit ihm nur gemein machen, um ihm dann auf den Kopf zu scheißen. Sie sagen: „Picassos Taube – das kann mein kleiner Fritzi auch.“ Das Lustige ist, der kleine Fritzi könnte es auch, wenn man ihn nur dazu ermutigen würde, dass nämlich nur drei Striche eine Taube sein können oder dass die Omi zwei Nasen und fünf Augen hat. Aber wenn das Kind das dann malt, hört es: „Geh schau, Fritzi, die Omi hat doch nicht zwei Nasen, du bist doch ein Dummerl.“ Dabei ist das die Entdeckung des Kubismus!

Für die Ausstellung Bad Paintings hat Fritz Ostermayer eine Sammlung musikalischer Grausamkeiten zusammengestellt. Unter dem Titel „Bad Taste – Strange Music“ steht sie hier zum gratis Download und anschließendem Leiden bereit. Die 26 Titel umfassende Compilation wird mit den folgenden Geleitworten des großen burgenländischen Vorsitzenden Theodor Kery eingeleitet:

Wir demonstrieren nicht. Wir marschieren nicht. Nein! Wir Burgenländer singen, tanzen und spielen.“

Thema: Fotografie, Geschichte, Musik, Politik | Kommentare (0) | Autor:

Back to the roots

Dienstag, 5. August 2008 18:15

Am 10. Oktober 2007 hat die britische Band Radiohead ihr Album „In Rainbows“ über die eigene Website im MP3-Format zum Download angeboten – die CD kam erst Ende des Jahres in den Handel. Die Musikfreunde konnten selbst entscheiden, ob sie für das Album zahlen wollten oder nicht, und 62% aller Downloader nahmen das Geschenk dankend an. Einzige Bedingung für den Download war die Bekanntgabe einer Email-Adresse. Trotz dieser „legalen“ Downloadmöglichkeit ist „In Rainbows“ an eben diesem 10. Oktober über 400.000 Mal über die P2P-Software BitTorrent gesaugt worden. Drei Wochen später bereits über 2,3 Millionen Mal.

Dennoch hat sich der ungewöhnliche Schritt für die Band bezahlt gemacht: Radiohead verfügt seither über rund 1,2 Millionen Emailadressen, so oft wurde das Album von der Radiohead-Website heruntergeladen, deren Inhaber mit regelmäßigen Band- und Fan-News gefüttert werden, und dank der weltweiten Aufmerksamkeit für den Werbe-Coup war die folgende Konzerttournee restlos ausverkauft. Auch das kurz vor Weihnachten in den Handel gekommene Radiohead-Box-Set fand beachtlichen Absatz.

Zu diesem Befund kommt eine Studie, die im Auftrag der britischen Verwertungsgesellschaft MCPS-PRS vom Marktforschungsunternehmen Big Champagne durchgeführt wurde, und die als vorweggenommener Nekrolog auf die Musikindustrie gelesen werden kann, weil sie exemplarisch aufzeigt, dass die aus der analogen Welt stammenden Geschäftsmodelle der Musikindustrie im digitalen Kontext verschwinden werden. Daher sind auch alle strategischen Überlegungen der Musikindustrie, deren Fortbestand zu sichern – Wenn wir legale Downloadangebote offerieren und gleichzeitig den Strafverfolgungsdruck auf P2P-User erhöhen, dann können wir sowohl die Nutzung von Tauschbörsen eindämmen als auch die legalen Angebote ankurbeln -, zum Scheitern verurteilt.

Frequently, music industry professionals suggest that an increase in legitimate sales must necessarily coincide with a commensurate reduction in piracy, as if this were a fact. Yet, the company Big Champagne has made no such consistent observation in nearly a decade of analysing these data. Rather, it finds that piracy rates follow awareness and interest. In other words, if you do a good job cultivating a legitimate sales story, you must also expect a similar up-tick in grey market activity. The biggest selling albums and songs are nearly always the most widely-pirated, regardless of all the ‚anti-piracy‘ tactics employed by music companies.

Die Digitalisierung kehrt die bisherige Entwicklung im Musikbusiness gewissermaßen um, indem sie die Branche in die Vor-Tonträger-Ära zurück schleudert, in jene Zeit also, in der Musik von den meisten Menschen via Radio gehört werden konnte und die Radiostationen mit Live-Übertragungen von Big Band-Konzerten, für die sie den Musikern Honorare zu bezahlen hatten, ihre Programme bestritten. Das, was heute als Exklusiv-Event von TV- und Radiostationen vermarktet wird, etwa Live-Übertragungen von Opern- und Konzertübertragungen, war damals die Norm. Während des Zweiten Weltkrieges begannen die US-amerikanischen Radiostationen massenhaft Schallplatten zu spielen, sodass die American Federation of Musicans maschinenstürmerisch für einen Boykott der Schallplattenaufnahmen eintrat, befürchtete sie doch, die Musiker würden ihre Jobs verlieren. Die Gewerkschaft verlangte Ausgleichshonorare von den Plattenfirmen und bedrängte Nachtclubs, keine Jukeboxes mehr aufzustellen. Wenngleich die Radiostationen zwei Jahre lang fast nur Schallplatten spielen konnten, die vor dem Boykott gepresst wurden, und die Gewerkschaft mit den Labels eine Abgeltung aushandeln konnte, die Versuche, den ökonomischen und technologischen Fortschritt aufzuhalten, waren nutzlos – wie immer in der Geschichte.

In einer Welt der Tauschbörsen werden Musik-Verkaufsmodelle, egal ob Tonträger oder Download, a la longue obsolet. Wer mit Musik Geld verdienen will, sollte sie einfach verschenken, um Aufmerksamkeit für Live-Konzerte zu generieren.

Thema: Allgemein, Film, Geschichte, Musik | Kommentare (0) | Autor:

64 Cent

Montag, 4. August 2008 16:27

Wer sich über das Urheberrecht ausführlich informieren möchte, sollte unbedingt das ausgezeichnete Dossier zu diesem Thema auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung (vgl. dazu auch hier) besuchen.

Nun ahnte man ja, dass der Urheber bzw. Künstler am Verkauf seiner CD oder am legalen Download seines Albums nicht gerade berauschend verdienen dürfte; dass es aber lediglich 4% vom Kaufpreis sind, also bei einem CD-Kaufpreis von 15,99 Euro gerundete 64 Cent, hätte man dann doch nicht erwartet. Den höchsten Anteil, rund ein Drittel (knappe 5 Euro), streift das Label ein, das dann „im Interesse und zum Wohle der Künstler“ gegen die P2P-Nutzer vorgeht.

Als ich mir die Liste mit jenen Interpreten angesehen habe, die seit 1990 in Österreich die meisten Tonträger verkauft haben, wurde meine Überraschung noch größer, weil ich eigentlich von wesentlich höheren Verkaufszahlen ausgegangen bin. Spitzenreiter ist demnach Herbert Grönemeyer, der für sein Album „Mensch“ 8-fach Platin erhalten hat, das heißt, von der CD sind 160.000 Stück verkauft worden. An zweiter Stelle rangiert die Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) mit ihrer „Geld oder Leben„-CD, die immerhin noch 5-fach Platin (100.000 verkaufte CDs) bekam. Christina Stürmer liegt mit „Freier Fall“ an dritter Stelle. Die Scheibe erhielt 4-fach Platin, folglich sind über 80.000 Stück verkauft worden. Dann folgen einige Interpreten mit knapp 40.000 verkauften CDs. Die meisten Musiker aber, wie etwa Wolfgang Ambros, müssen froh sein, wenn sie von ihren Alben zwischen 10.000 und 20.000 Stück absetzen. Klarerweise haben Super-Acts wie Herbert Grönemeyer eigene Verträge mit den Labels, die ihnen wesentlich mehr Geld garantieren; aber das Gros der Musikschaffenden kann nicht vom CD-Verkaufserlös leben, sondern muss das Geld durch Live-Konzerte und Tourneen verdienen.

Mit dem Urheberecht bzw. mit der Suche nach anderen Vergütungsmöglichkeiten für Künstler und Interpreten im digitalen Kapitalismus wird sich übrigens auch das diesjährige Ars Electronica Festival (4. bis 9. September) in Linz beschäftigen.

Thema: Allgemein, Musik | Kommentare (3) | Autor:

Breaking the rules

Donnerstag, 31. Juli 2008 18:10

Sommer 1979. Ein Wirtshaus im Waldviertel. Im „Extrazimmer“ standen ein Billardtisch, zwei Flipperautomaten und ein „Wuzzler„, also die großen Trostspender für jene quälenden Momente, in denen der Heranwachsende sich kaum mehr in der Lage sieht, sein sexuelles Begehren mit dem Verweis auf das „Prinzip Hoffnung“ zu bändigen. Zwischen diesen Rettungsapparaturen stand auch ein alter Wurlitzer aus den späten 1960-er Jahren. Neben deutschsprachigem Schlagergut war die Jukebox auch mit einigen zu jener Zeit gerade angesagten Songs aus den Pop-Charts bestückt. Ich erinnere mich noch, dass der Soundtrack zu unserem Automatensex vor allem aus den folgenden fünf Songs bestand: „Rivers of Babylon“ (Boney M.), „Tragedy“ (Bee Gees), „Born to be alive“ (Patrick Hernandez), „Chiquitita“ (Abba) und dem einzigen Song, den ich wirklich mochte, „Le Freak“ von Chic. Es war die Zeit der Disco-Musik, der „Scheiß-Disco„-Musik, wie ich zu sagen pflegte, die nicht meine Musik war. Meine Musik jener Jahre war die Rock-Musik der 1960-er, und frühen 1970-er Jahre, die, was mir damals überhaupt nicht in den Sinn kam, bis auf die große Ausnahme Jimi Hendrix, ausschließlich eine von „Weißen“ produzierte war. Aber „Le Freak“ gefiel mir, wenngleich ich das damals nie und nimmer eingestanden hätte. Der Song, mehrere Wochen Nummer 1 in den USA (Billboard Charts), schaffte als beste Platzierung den 6. Platz in den Ö3-Charts, wie ich jetzt herausgefunden habe.

An diesen längst vergangenen Wirthaussommertraum erinnerte ich mich, als Nile Rodgers, Mastermind von Chic, in dem hervorragenden Dokumentarstreifen Breaking the Rules, der sich mit der US-Amerikanischen Gegenkultur beschäftigt, über die Entstehung von „Le Freak“ folgende Story erzählte: Auf Einladung von Disco-Queen Grace Jones wollte er ins New Yorker Studio 54, in den späten 1970-er Jahren der hippste Discotempel der Welt, aber als „Schwarzer„, den die „weißen“ Türsteher nicht erkannten, blieb ihm der Eintritt verwehrt. „Aaaaahh, fuck off„, dachte er sich, und aus diesem „Aaaaahh, Fuck off“ wurde dann der Millionenseller „Aaaaahh, Freak out„, weil, wie er lächelnd anmerkt, das „F-Word„, heute in jedem Kinderprogramm zu hören, zu jener Zeit Radioverbot für einen Song bedeutet hätte.

Ob Mythos oder nicht, die Story ist deshalb wahr, weil sie den sozialen und politischen Kontext anspricht, der „black music„-Songs inhärent ist – unabhängig davon, ob sie den Kontext explizit ansprechen oder nicht. Amiri Baraka, Schriftsteller und Aktivist der Black Power Bewegung, hat das in seinem Buch „Blues People“ präzise erläutert. (Dass Amiri Baraka wiederholt mit antisemitischen Statements auffällig geworden ist, muss auch erwähnt werden.)

In „Breaking the Rules“ kommen neben vielen anderen auch Rodgers und Baraka zu Wort. Warum dieser Film so sehenswert ist, beschreibt der ARTE-Ankündigungstext, den ich mit Links versehen habe, durchaus treffend:

Gemeinsam mit Ruth Weiss, Lawrence Ferlinghetti und Michael McClure betritt der Zuschauer die Clubs der 50er Jahre im New Yorker Village und in North Beach/San Francisco. Hier treffen Jazz und Poetry aufeinander. Mit Amiri Baraka und Melvin van Peebles träumt der Zuschauer von einer gerechteren Welt, in der Schwarze und Weiße als Brüder an einem Tisch sitzen, er kämpft mit Anne Waldman und Ed Sanders gegen den Vietnam-Krieg, braust mit Peter Fonda über die Highways, feiert mit Wavy Gravy und Ray Manzarek den „Summer of Love“ und wird an der Seite von Afrika Bambaataa, RZA, Kurtis Blow und Grandmaster CAZ Zeuge der ersten Hip-Hop-Blockparties in der Bronx.
Ein Phänomen verbindet dabei alle Bewegungen miteinander, die Kommerzialisierung von Gegenkultur. Der Film dokumentiert, wie nach einer anfänglichen Phase des Misstrauens und der Ablehnung seitens der etablierten Gesellschaft, der Markt die Codes der Gegenkultur übernimmt und Teil der Alltagskultur werden lässt. Doch Gegenkultur lässt sich nicht wirklich zähmen. Sie scheint vielleicht eine Zeitlang verschwunden zu sein, um dann umso überraschender wieder aufzutauchen – erst versteckt, dann aber immer lauter.

Der Dokumentarfilm wird auf ARTE heute (um 3.00 Uhr – Showview: 8727197) und am 9. August (um 1.10 Uhr – Showview: 1459855) wiederholt.

Thema: Film, Geschichte, Literatur, Musik, Politik | Kommentare (0) | Autor:

there’s a concert hall in Vienna …

Dienstag, 29. Juli 2008 18:00

Leonard Cohen kommt im Rahmen seiner Europatournee auch nach Wien, wo er am 24. und am 25. September im Konzerthaus gastieren wird. Cohen live gibt’s zwischen 95 Euro (einige Sitzplätze in der letzten Galeriereihe) und 196 Euro (teuerste Sitzplatzkategorie).

An diese Preisgestaltung für internationale Großmeister wird man sich wohl auch hierzulande gewöhnen müssen, veranstalten und vermarkten seit Neuestem doch die Majors selbst die Live-Acts „ihrer“ Künstler. So werden die Cohen-Konzerte von Key Network veranstaltet, einer Abteilung von Sony BMG Austria, die für die Live-Acts labeleigener Künstler in Österreich verantwortlich zeichnet. Sony BMG, ein Tochterunternehmen der Bertelsmann AG, teilt sich mit Vivandi/Universal Music, Warner Music und EMI rund 80% der weltweiten Umsätze im Musikgeschäft. Die Gründung von eigenen Agenturen zur Live-Konzertvermarktung ist ein weiterer Schritt der Musikindustrie – neben dem Lobbying für die Verlängerung der Schutzfristen, der Etablierung von Online-Plattformen zum Musikdownload und der Intensivierung der strafrechtlichen Verfolgung der P2P-Nutzer –, um die Umsatz- und Gewinneinbußen zu stoppen.

Tickets sind nur noch für das Konzert am 25. September zu bekommen!

Thema: Musik | Kommentare (0) | Autor:

Don’t give up on me

Samstag, 12. Juli 2008 15:27

Mitten auf der Bühne des Arkadenhofs im Wiener Rathaus steht der Thron. Es ist kurz nach 22.00 Uhr. Nach wie vor brütende Hitze. Ob es der bislang heißeste Tag des Jahres war, wie von Meteorologen prognostiziert? Das weiß ich nicht. Aber es ist mit Sicherheit die heißeste Nacht: Jetzt kommen nämlich Jay Bellerose (Schlagzeug, Perkussion), Chris Bruce (Gitarre), David Palmer (Piano), David Piltch (Bass), Daniel Lanois (Gitarre), Bennie Wallace (Saxophon) und – yes, yes, yes – Rudy Copeland (Orgel) in Begleitung einiger Backgroundsängerinnen auf die Bühne. Sie legen los, „easy“ noch, very „easy„, wie ihr Meister immer wieder im Laufe des Abends sagen wird, und dann wird Mr. Solomon Burke auf die Bühne chauffiert, im Rollstuhl, bis zum Thron, dessen Besteigung ihm einige kräftige Männer erleichtern, schließlich ist der gute Mann auf Grund seiner durchaus als „stattlich“ zu bezeichnenden Körperfülle nicht mehr der Beweglichste. Wozu auch: Wer 72 Jahre auf dem Buckel hat und Solomon Burke heißt, hat alles Recht der Welt, den Thron nicht allen besteigen zu müssen. Außerdem verstummen allfällige Pflegefall-Assoziationen spätestens dann, wenn Burke seine Stimme erhebt. Denn, spätestens dann ist allen Anwesenden klar, auch den Atheisten und sonstigen Zweiflern: God is with us tonight!

In den kommenden zwei Stunden zelebriert der Meister aus Philadelphia sein Hochamt mit Perlen aus dem „Don’t give up on me„-Comeback-Album von 2002 („Soul Searchin‘„, „Flesh and Blood“ und dem Titelsong), für das er auch einen Grammy Award erhielt, mit Songs aus dem kürzlich erschienen „Like a fire„-Album („We Don’t Need It„, „A Minute To Rest And A Second To Pray„) sowie mit hinreißenden Cover-Versionen von Jahrhundertsongs wie Otis Reddings „Sittin’ on the dock of the bay„, Ray Charles´ „I can’t stop lovin’ you“ oder Ike & Tina Turners „Proud Mary„. Dann: „Georgia on my mind„, diese beinahe totgespielte Nummer. Wer bei dieser Interpretation nicht in die Knie geht, der kann nicht von dieser Welt sein. Auch eine seiner Töchter darf ran, und ihre Version von „I will survice„, diesem Song für die Ewigkeit von Gloria Gaynor, treibt nicht nur Papa Burke den Saft aus sämtlichen Körperöffnungen.

Was für eine Show, was für ein Abend! Thank you very much, Mr. Burke!
(Ürigens: Das Foto stammt vom Wien-Konzert)

Thema: Musik | Kommentare (2) | Autor:

Slow train coming

Samstag, 31. Mai 2008 17:19

In einem in mehreren deutschen Tageszeitungen kürzlich veröffentlichten Offenen Brief an die deutsche Bundeskanzlerin fordern deutsche Musiker, Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller und Verleger staatliche Interventionen, um „gemeinsam mit Verbraucher- und Datenschützern Verfahren zum fairen Ausgleich der Interessen aller Beteiligten zu entwickeln“.

Dahinter verbirgt sich nichts anderes, als die Forderung nach gesetzlichen Maßnahmen gegen Tauschbörsen-Nutzer wie es sie etwa in den USA und Australien gibt und ab Anfang 2009 auch in Frankreich geben soll: Internet-Provider sind verpflichtet, Nutzern von Tauschbörsen, denen Verstöße gegen das Copyright-Regime nachgewiesen werden können, den Netzzugang zu kappen.

Dazu passt auch, dass die Europäische Kommission mit US-Behörden ein neues Abkommen verhandelt (Anti-Counterfeiting Trade Agreement – ACTA), das sich nicht nur gegen Produkt- und Markenpiraterie richtet, sondern auch die so genannte Internet-Piraterie einschließt und auf einem der nächsten G8-Gipfel bis Jahresende verabschiedet werden soll. Sollte ACTA beschlossen werden, könnten Behörden verdachtsunabhängig und routinemäßig Laptops, MP3-Player oder Handys auf Downloads durchsuchen, weil dann der Upload / Download von Copyright geschützten Filmen oder Songs kein einfaches Vergehen mehr wäre, sondern ein strafrechtlicher Tatbestand. (vgl. dazu den Artikel von Erich Möchel auf der ORF-Futurezone)

Wiewohl der CD-Verkauf weltweit nach wie vor rund 80% der Umsätze der Musikwirtschaft ausmacht, lösen in manchen Ländern die digitalen Geschäftsmodelle die analogen bereits ab: So werden in Japan mehr Einnahmen aus dem Verkauf von Song- und Alben-Downloads und Klingeltönen lukriert als aus dem CD-Verkauf. Ein kurioses Detail am Rande: 56% aller in Italien im Online-Bereich erzielten Umsätze entfallen auf den Download von Handy-Klingeltönen. Auch der Digital Music Report 2008, der vom weltweiten Verband der Musikwirtschaft (IFPI) herausgegeben wird, feiert die Zuwächse im Online Geschäft euphorisch: „In the US, only five years after the commercial music download business first emerged, 30 per cent of all recorded music sold is online or mobile.” Und weltweit existieren etwa 500 Online-Musikshops; selbst in Österreich kann Musik von 12 Anbietern (z.B. iTunes, AonMusicDownload, Libro, eMusic, MSN Music, Soulseduction) bezogen wrden. Tendenz: stark steigend.

Was im IFPI-Report aber vor allem auffällt, ist der Frontalangriff gegen die Peer-To-Peer-Technologie als solche, die, wie der Report süffisant vermerkt, nur von rund 20% aller Internet-User genutzt werde, aber 80% des gesamten weltweiten Internet-Traffics verursache.

„P2P usage is having a significant impact on internet traffic. P2P networks are producing more internet traffic than all other applications combined and this could impact ISP (Internet Service Providers) infrastructures, damaging consumers’ internet experience.“

Die Argumentation richtet sich an die Internet Service Provider, die im Grunde kein Geschäftsinteresse an der Kriminalisierung der Kunden ihrer Breitbandnetze haben können. Vor dem Hintergrund der so genannten Next Generation Networks, die gegenwärtig aufgebaut und den Infrastrukturbetreibern die technische Möglichkeit einräumen werden, den Internet-Traffic dem Inhalt nach zu steuern (= Expressbeförderung für Google oder eBay, Regionalzüge für private Blogs), wird das Kalkül der Argumentation der Musik- und Filmindustrie verständlich: Wenn die Provider die Tauschbörsen-Nutzung nicht gänzlich unterbinden wollen, dann sollen sie wenigstens den Traffic drosseln.

Aus ökonomischem Interesse werden die Provider dieser Forderung ohnehin nachkommen: Damit von Google oder anderen großen Playern für die Expresszustellung auch ordentlich kassiert werden kann, muss man diesen freie ( = bereinigte) Leitungen anbieten können: File-Sharer sind somit aus ökonomischen Gründen ein Störfaktor, die auf Nebengeleise umgeleitet werden, damit der Google-Express ungestört durchzischen kann.

Thema: Allgemein, Musik | Kommentare (0) | Autor: